Die Stimme dazwischen
Liebe Mitreisenden,
es gibt eine Stimme, die mich schon mein ganzes Leben begleitet. Sie ist selten laut. Sie flüstert.
„Mach lieber mit."
„Stell dich nicht so an."
„Die anderen wissen das bestimmt besser."
Lange habe ich geglaubt, diese Stimme wäre vernünftig. Heute glaube ich, sie hatte einfach Angst.
Vor vielen Jahren saß ich in Therapien. Ich konnte gut beobachten. Gut zuhören. Gut verstehen, was von mir erwartet wurde. Ich war so empathisch, dass ich manchmal schon wusste, welche Antwort wahrscheinlich genau die richtige wäre.
Rückblickend glaube ich, dass mir die Impulse geholfen haben. Aber irgendwann wurde mir klar: Meine eigentliche Aufgabe war nie, die richtigen Antworten zu finden. Sondern meiner eigenen Erfahrung wieder zu vertrauen.
Später passierte mir etwas Ähnliches. Bei Massagen. Manchmal hieß es:
„Das muss weh tun."
„Da musst du durch."
Und mein Körper sagte ganz deutlich: Nein.
Nicht nur, weil die Berührung unangenehm war. Sondern auch, weil etwas in mir spürte: Hier geht es gerade nicht mehr um mich.
Mein Körper wusste oft früher als mein Kopf, wenn etwas nicht mehr auf Augenhöhe war.
Heute vertraue ich diesem Nein. Nicht, weil ich immer recht habe. Sondern weil ich gelernt habe, dass mein Körper kein Hindernis ist. Er ist Teil des Gesprächs.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich meine Räume so gestalte, wie ich sie gestalte. Alles, was ich anbiete, ist eine Einladung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
In meinen Räumen gibt es immer die Möglichkeit zu sagen: „Du, heute habe ich darauf keinen Bock."
Und das wäre völlig in Ordnung.
Denn ich möchte niemanden überzeugen. Ich möchte keinen Widerstand brechen. Ich möchte einen Raum schaffen, in dem Menschen sich selbst wieder hören können.
Herausforderung gehört dazu. Klar. Aber es gibt eine innere Schwelle, das Verlassen der eigenen Komfortzone, die nur von Teilnehmenden selbst überschritten werden sollte.
*
Mir ist irgendwann aufgefallen, wie oft wir sagen: „Du darfst traurig sein." Oder: „Du darfst jetzt loslassen."
Und plötzlich fragte ich mich: Wer sagt eigentlich, dass ich darf? Wer verteilt diese Erlaubnisse?
Ich bin zu dem Schluss gekommen: Ich gebe sie mir selbst.
Ich erlaube mir, traurig zu sein. Ich erlaube mir, wütend zu sein. Ich erlaube mir, meine Meinung zu ändern. Ich erlaube mir, einen Raum zu verlassen. Ich erlaube mir, Nein zu sagen.
Nicht gegen andere. Sondern für mich.
Vielleicht beginnt Selbstführung genau dort. Nicht, wenn wir keine Begleitung mehr brauchen. Sondern wenn wir aufhören, unsere innere Autorität ständig an andere abzugeben. An Lehrpersonen. An Bücher. An Traditionen. An das unsichtbare Komitee in unserem Kopf.
Ich liebe gute Lehrende. Ich lerne unglaublich gerne. Aber die schönsten Begegnungen meines Lebens hatten etwas gemeinsam: Niemand wollte mich kleiner machen. Niemand musste recht behalten.
Sie haben mir nicht gesagt, wer ich bin. Sie wussten plötzlich nicht besser als ich, was ich brauche. Stattdessen haben sie mir geholfen, mich selbst wieder zu hören.
Vielleicht ist das der größte Unterschied. Ich möchte kein Mensch sein, dem andere folgen. Ich möchte ein Mensch sein, neben dem andere sich selbst begegnen.
Denn wir brauchen nicht noch mehr Menschen, die uns sagen, wie wir leben sollen. Wir brauchen Räume, in denen wir uns erinnern können, dass unser Körper längst begonnen hat, mit uns zu sprechen. Und dass wir ihm wieder zuhören können.
Aus dem Kreis am Lagerfeuer,
Jeannette