Die Benutzeroberfläche

Liebe Crew,

ich habe früher in UX und UI Design gearbeitet.

UX steht für User Experience. Im Grunde geht es um eine ziemlich einfache Frage: Wie erlebt ein Mensch etwas, während er es benutzt?

Nicht nur: Funktioniert es? Sondern: Ist es verständlich? Muss ich unnötig viele Schritte machen? Fühlt es sich angenehm an? Wo entsteht Reibung? Wo steige ich aus?

Lange dachte ich, das seien Fragen für Websites und digitale Produkte. Mittlerweile glaube ich, sie eignen sich hervorragend für unser Leben.

Denn auch unser Alltag hat eine Benutzeroberfläche.

Nehmen wir eine Morgenroutine. Vielleicht besteht sie aus zwölf sorgfältig ausgewählten Schritten. Wasser trinken. Zunge reinigen. Öl ziehen. Journaling. Meditation. Atemübung. Supplements. Bewegung. Hautpflege. Frühstück. Tagesplanung. Dankbarkeit.

Alles davon kann wunderbar sein. Aber vielleicht benutzt du deine eigene Morgenroutine kaum noch, weil du schon beim Gedanken daran müde wirst.

Aus UX-Sicht wäre die interessante Frage nicht: Wie bekomme ich mich endlich dazu, konsequenter zu sein? Sondern: Ist dieser Prozess eigentlich gut gestaltet?

Vielleicht brauchst du nicht mehr Disziplin. Vielleicht brauchst du weniger Klicks.

Ich merke das gerade an vielen Stellen meines Lebens. Ich mag Rituale. Ich mag komplexe Gedanken und ganze Welten. Aber Komplexität im Hintergrund bedeutet nicht, dass die Anwendung kompliziert sein muss.

Manchmal reichen drei Sprühstöße eines vertrauten Duftes, damit sich ein fremder Raum anders anfühlt. Pfffft. Pfffft. Pfffft. Fertig.

Manchmal reicht eine einzige Information in einem Gespräch. Ich muss nicht meine ganze Geschichte erzählen, damit etwas Wahres über mich im Raum sein kann.

Manchmal braucht eine Idee keinen ausgearbeiteten Masterplan. Ein Prototyp reicht.

In der Produktentwicklung nennt man so etwas ein MVP — ein Minimum Viable Product. Die kleinste Version, die bereits funktioniert und dadurch ermöglicht, mit der Wirklichkeit weiterzuarbeiten.

Was wäre die kleinste Form, die bereits funktioniert? Nicht die beeindruckendste. Nicht die Form, die theoretisch alle Eventualitäten abdeckt. Die, die ich wirklich benutzen kann.

Vielleicht ist dein Sportprogramm nicht schlecht, weil es nur zwanzig Minuten dauert. Vielleicht ist die Bodylotion, die du jeden Morgen gern benutzt, luxuriöser als das aufwendige Pflegeritual, das hauptsächlich hübsch im Badezimmer aussieht. Vielleicht braucht eine Freundschaft keine stundenlangen regelmäßigen Treffen, sondern zehn Minuten, in denen ihr euch wirklich begegnet.

Vielleicht ist nicht mit dir etwas falsch, sondern die UX noch nicht optimiert.

Das ist eine erstaunlich freundliche Perspektive. Denn plötzlich kann man einfach das Interface des Alltags verändern.

Das ist vielleicht der wichtigste Teil guter UX: nicht davon auszugehen, dass Menschen sich so verhalten, wie man es geplant hat. Lieber zu schauen, was wirklich passiert.

Vielleicht möchtest du jeden Morgen um sechs aufstehen und meditieren, greifst aber seit Monaten als Erstes nach einem Kaffee. Interessante Information.

Vielleicht hast du einen wunderschönen Schreibtisch und arbeitest trotzdem immer am Küchentisch. Interessant.

Vielleicht hast du dir vorgenommen, dreimal pro Woche ins Fitnessstudio zu gehen, bewegst dich aber viel lieber draußen. Interessante Information.

Das sind nicht automatisch Beweise dafür, dass du undiszipliniert bist. Es sind Daten. Dein wirkliches Leben gibt dir Feedback über sein Design.

Genau deshalb mag ich Prototypen. Eine erste Version muss nicht beweisen, dass ich recht hatte. Sie soll mir helfen herauszufinden, was stimmt.

Das verändert auch Planung. Ein Plan muss die Zukunft nicht korrekt vorhersagen. Er kann eine erste Benutzeroberfläche sein, die ich teste. Passt sie nicht? Nachfeilen. Das ist kein Scheitern des Plans. Das ist Produktentwicklung.

Wenn du jeden Tag an derselben Stelle hängenbleibst, frag nicht sofort: Was stimmt nicht mit mir? Frage: Was könnte ich hier besser gestalten?

Wo braucht dein Alltag weniger Reibung? Was benutzt du wirklich? Was steht nur herum, weil du irgendwann dachtest, ein gutes Leben müsse so aussehen? Und wo versuchst du noch, dich an eine Form anzupassen, obwohl du längst die Form verändern könntest?

Vielleicht ist das einer der stillsten Luxusmomente: wenn etwas so gut zu unserem wirklichen Leben passt, dass wir kaum noch darüber nachdenken müssen.

Es funktioniert einfach.

Und plötzlich bleibt die Energie, die vorher für die Bedienung des Lebens draufging, wieder für das Leben selbst.

Mit Liebe und weniger Klicks, 
Jeannette

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