Wolken
Liebe Crew,
heute lag ich an der Isar in der Sonne und schaute in den Himmel. Zwei Wolken trieben aufeinander zu. Der Wind schob sie langsam zusammen, bis sie sich für einen Moment verbanden.
Ich lag einfach da und freute mich darüber. Und vielleicht war genau das das Besondere. Ich hatte Zeit, die Wolken anzuschauen.
Normalerweise denke ich bei Urlaub an einen anderen Ort. An ein Flugticket, einen Koffer, ein Hotel, eine Reiseroute. An Tage, an denen der Alltag weit genug entfernt ist, damit endlich dieses Gefühl auftauchen kann: Freiheit.
In den vergangenen sechs Nächten waren wir in Finnland und Estland. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich mich dort erholen würde. Stattdessen war es kühl und intensiv. Es fühlte sich weniger wie Erholung an als wie ein Reset.
Und dann kamen wir nach Hause.
Plötzlich hatte München 25 Grad. Die Isar glitzerte. In meiner Küche standen meine Gewürze. Im Schrank meine Kleider. Meine Malsachen, mein Bastelzeug, meine Yogamatte, meine Instrumente.
Und plötzlich dachte ich: Vielleicht beginnt mein Urlaub jetzt.
Weil auf einmal wieder Raum da ist.
Raum, um auf irgendeiner Bank zu sitzen und brasilianische Musik zu hören. Raum, plötzlich aufzustehen und mich tanzend aufs Fahrrad zu schwingen, weil mein Körper gerade Lust darauf hat. Raum, mit dem Fleischverkäufer über die Zubereitung von Hähnchenschenkeln zu philosophieren. Raum, an der Kasse mit einer Frau über mein selbstgebasteltes Blätterinstrument ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, dass es sie an die Rasseln aus Reis erinnert, die sie als Kind gebastelt hat.
Sogar Raum, die Prospekte von Kleidungsfirmen durchzublättern, die ich normalerweise ungesehen wegwerfe. Einfach so.
Vielleicht ist Urlaub gar nicht in erster Linie ein Ort. Vielleicht ist Urlaub die Anwesenheit von unverplanter Zeit.
Zeit, in der ich noch nicht genau weiß, was als Nächstes passieren wird. Und plötzlich wird die Welt wieder interessant, weil ich wieder mitbekomme, was ohnehin passiert.
Menschen erzählen mir etwas. Musik verändert meine Bewegung. Eine Wolke trifft eine andere. Ein Impuls taucht auf und ich habe genug Raum, ihm zu folgen.
Interessanterweise beginnt genau in diesem Moment auch mein Netz wieder zu arbeiten. Arbeit, Treffen und Veranstaltungen. Ich kann in Ruhe wählen. Das passt. Das passt nicht. Ganz entspannt. Ohne Druck.
Vielleicht ist auch das Fülle. Nicht möglichst viele Möglichkeiten anzunehmen. Genug zu haben, um auswählen zu können.
Mein Bankkonto freut sich darüber übrigens auch.
Ich habe beschlossen, weiterhin an meinen Projekten zu arbeiten. Aber nicht mehr an fünf gleichzeitig. Eines pro Tag. Dann reicht es.
Der Rest des Tages gehört nicht automatisch dem nächsten Projekt. Vielleicht gehört er der Isar. Vielleicht meinem Fahrrad. Vielleicht meinen Farben. Vielleicht meinem Liebsten. Vielleicht niemandem.
Ich weiß es noch nicht. Und genau das fühlt sich nach Urlaub an.
Der Sommer ist nicht mehr so grell wie vor einigen Wochen. Nicht mehr so heiß, laut und fordernd. Er ist reifer geworden. Warm. Voll. Herzlich. Geduldig.
Vielleicht mag ich ihn gerade deshalb so sehr, weil ich selbst ein bisschen so geworden bin.
Vielleicht ist das die Form von Fülle, nach der ich die ganze Zeit gesucht habe: nicht immer mehr hineinzupacken, sondern genügend Raum darin zu lassen, damit ich sehen kann, was schon da ist.
Mit Liebe und Raum für la dolce for niente,
Jeannette