Das Festival
Liebe Mitreisenden,
in den letzten Tagen war ich sehr müde.
So müde, dass ich immer wieder dachte, ich müsste doch langsam wieder Kraft haben. Das Haus steht doch. Und selbst meine Eisenspeicher sind endlich wieder gefüllt.
Und trotzdem wollte mein Körper schlafen, essen, liegen, träumen. Vor allem essen. Mit Vorliebe Käse, Salami, Kuchen — alles, worüber die disziplinierte Version von mir früher wahrscheinlich die Stirn gerunzelt hätte.
Ich verstand es erst nicht. Bis ich verstand.
Manchmal braucht eine große Erkenntnis Baumaterial.
Denn während ich auf meinem Sofa lag und Käse aß, landete etwas in mir. Eine Erkenntnis so groß, dass ich gleichzeitig lachen und weinen musste.
Ich habe viele Jahre von einem Ort geträumt. Von einem Ort wie einem spirituellen Disneyland. Ein Ort, an dem Familien gemeinsam hingehen können. An dem Menschen unterschiedlich tief eintauchen können. Voller Geschichten, Begegnungen, Rituale, Lagerfeuer, Staunen und Abenteuer. Ein Ort, der groß genug ist für viele verschiedene Wege.
Ich dachte immer, ich würde diesen Ort irgendwann bauen. Irgendwo. Auf einem Grundstück. In einer anderen Zukunft.
Und dann verstand ich: Der Ort ist bereits da.
Es ist das Haus, das ich über viele Jahre gebaut habe. Aus Büchern. Aus Räumen. Aus Geschichten. Aus Bergen. Aus Brasilien. Aus Chile. Aus Lagerfeuern. Aus Meditationen. Aus Karten. Aus Träumen. Aus Übergängen. Aus Tränen. Aus Liebe.
Ich bin nicht mehr auf dem Weg dorthin. Ich lebe bereits darin.
Und Menschen beginnen langsam durch die Türen zu treten. Manche bleiben kurz. Manche setzen sich ans Feuer. Manche lesen einfach nur. Manche tauchen tiefer. Genau so, wie ich es mir immer gewünscht habe.
Vielleicht erklärt das die Müdigkeit. Vielleicht sortiert mein System gerade nicht nur Informationen. Vielleicht richtet es die Möbel in einem Haus ein, das endlich bewohnbar geworden ist.
*
In den letzten Tagen fiel mir noch etwas auf. Wenn ich etwas in mir vereinfache, vereinfacht sich oft auch etwas um mich herum.
Mein Liebster brachte Kuchen mit. Für den Steuerkram. Später brachte er Salami. Und grinste. Er meinte, das würde mich vermutlich gerade glücklicher machen als Blumen.
Er hatte recht.
Ich freute mich riesig. Nicht über die Salami. Naja, auch über die Salami. Aber vor allem darüber, dass er verstanden hatte.
Vor nicht allzu langer Zeit machte er sich noch über meine Gelüste lustig. Jetzt bringt er sie mit.
Vielleicht ist das Liebe. Nicht alles zu verstehen. Nicht jede Reise mitzugehen. Nicht jeden Traum zu teilen.
Sondern irgendwann zu wissen: Was nährt den anderen?
*
Ich beobachte, wie vieles leichter wird. Ich habe alte Dateien archiviert. Alte Wunschlisten gelöscht. Alte Schuhe verschenkt.
Und während ich meine schwarzen klobigen Boots auf die Straße stellte, dachte ich: Vielleicht brauche ich keine schweren Schuhe mehr. Vielleicht darf ich leichter werden.
Später saß ich in einem Café. Bekam ein Stück Kirschkuchen geschenkt. Ein Marienkäfer landete auf meinem Arm.
Manchmal spricht das Leben nicht in großen Offenbarungen. Manchmal winkt es einfach kurz. Mit Kuchen. Mit einem Käfer. Mit einem Menschen, der Salami mitbringt.
*
Ich habe in meinem Leben viele Dinge werden wollen. Buschpilotin. Künstlerin. Designerin. DJane. Tänzerin. Reisejournalistin. Menschenbegleiterin.
Und inzwischen merke ich: Sie sind alle gekommen. Nicht als Berufe. Sondern als Facetten. Alle wohnen im selben Haus.
Vielleicht ist das Erwachsenwerden. Nicht die Entscheidung für einen Weg. Sondern die Erkenntnis, dass die vielen Wege die ganze Zeit derselbe waren.
Und während ich das schreibe, freue ich mich auf die Falkenhütte. Auf Sonne. Auf Weite. Auf das Spaceship. Auf alles, was noch entstehen möchte.
Nicht weil ich irgendwo ankommen muss. Sondern weil ich angekommen bin.
Und jetzt anfangen darf, mein eigenes Festival zu genießen.
Mit Liebe,
Jeannette