Der Traumraum
Liebe Crew,
ich glaube, ich bin ein ordnungsliebender Mensch. Nicht, weil ich alles unter Kontrolle haben möchte. Sondern weil Ordnung mir Freiheit schenkt.
Ich liebe unseren Keller. Dort wohnen die Dinge, die gerade Pause haben. Die Winterjacken im Sommer. Die Weihnachtsdekoration im Juli. Sie sind nicht weg. Sie warten auf ihre Jahreszeit. Und jedes Mal freue ich mich, wenn ich sie wieder hervorhole. Fast so, als würde ich alte Freunde besuchen.
Mit den Jahren ist mir aufgefallen, dass mein Körper ein erstaunlich gutes Navigationsgerät geworden ist. Wenn ich ein Kleidungsstück monatelang nicht anziehen möchte, höre ich hin. Wenn ein Gegenstand keine Freude mehr auslöst, darf er weiterziehen.
Nicht aus Strenge. Sondern aus Liebe zur Essenz.
Irgendwann fiel mir auf, dass ich mein Inneres genauso ordne. Auch dort gibt es verschiedene Räume.
Es gibt ein Archiv. Dort landen Ideen, die gerade noch nicht an der Reihe sind. Manche warten Jahre. Und plötzlich ist ihre Zeit gekommen.
Es gibt eine Wiedervorlage. Für Dinge, die noch nachreifen möchten.
Und es gibt einen Mülleimer. Der wird regelmäßig geleert. Nicht alles, was in meinem Kopf auftaucht, muss bleiben. Gedanken. Überkommene Muster. Fremde Erwartungen. Sie kommen. Ich schaue sie an. Und manches darf gehen.
Vor einiger Zeit habe ich noch einen weiteren Raum eingerichtet. Für meine Träume.
Früher hatte ich oft das Gefühl, jede Idee sofort umsetzen zu müssen, sonst würde sie verloren gehen. Heute wohnen meine Träume ganz gemütlich in ihrem eigenen Raum. Ab und zu schaue ich vorbei. Ich sage Hallo. Freue mich über sie. Und gehe wieder.
Sie müssen sich nicht beweisen. Sie dürfen einfach existieren. Bis ihre Zeit gekommen ist.
Je mehr Ordnung in meinem Inneren entsteht, desto weniger zieht an mir. Nicht, weil weniger da ist. Sondern weil alles seinen Platz gefunden hat.
Dadurch entsteht etwas Kostbares: Weite und Ruhe. Um dem Moment zu vertrauen. Um Pausen einzulegen. Um mitten am Tag barfuß über eine Wiese zu tanzen. Merkwürdige Geräusche zu machen. Grundlos zu lachen. Oder zu weinen.
Vielleicht ist Ordnung gar nicht das Gegenteil von Lebendigkeit. Vielleicht ist sie das, was Lebendigkeit erst möglich macht.
Nicht die Ordnung eines perfekt aufgeräumten Museums. Sondern die Ordnung eines lebendigen Zuhauses. Eines Hauses, in dem jede Jahreszeit ihren eigenen Raum hat. In dem Erinnerungen ein Archiv besitzen. Träume ein Gästezimmer. Und das Wesentliche immer griffbereit ist.
Mit Liebe und einem aufgeräumten Zuhause,
Jeannette