Das Mikrofon

Liebe Crew,

früher dachte ich, gute Ideen setzen sich durch. Heute glaube ich das nicht mehr. Nicht automatisch.

Denn Ideen bewegen sich nicht in einem leeren Raum. Sie bewegen sich in Systemen. Und manche Stimmen bekommen darin ein größeres Mikrofon als andere.

Ich beobachte das immer wieder. Manchmal sage ich etwas. Es wird freundlich zur Kenntnis genommen. Oder überhört. Ein paar Tage später sagt jemand anderes dasselbe — oft mit mehr Status. Plötzlich ist derselbe Gedanke brillant. Diskussionswürdig.

Ich frage mich: Kennst du das auch?

Früher machte mich das wütend. Heute macht es mich aufmerksam. Nicht auf einzelne Menschen. Sondern auf das System.

Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen das absichtlich tun. Wir alle wachsen in Geschichten auf. Geschichten darüber, wessen Stimme Gewicht hat. Wer als Expertin gilt. Wer das Mikrofon bekommt. Und wer zwar etwas sagt, aber nie richtig gehört wird.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich aufgehört habe, ständig diskutieren zu wollen. Nicht, weil mir meine Gedanken unwichtig geworden sind. Sondern weil ich meine Energie anders einsetzen möchte.

Ich möchte keine Lautstärke gewinnen. Ich möchte Resonanz schaffen.

Ich glaube nicht daran, Menschen mit dem besseren Argument zu verändern. Ich glaube an Einladungen. An Begegnungen. An Räume. An Erfahrungen, die etwas in Bewegung bringen.

Denn je länger ich Menschen begleite, desto einfacher wird mein Blick. Unter all den Meinungen, unter all den Ideologien begegnen mir immer wieder dieselben Bedürfnisse.

Wir möchten satt sein. Nicht nur körperlich, auch seelisch. Wir möchten uns sicher fühlen. Wir möchten dazugehören. Wir möchten gesehen werden. Wir möchten lieben. Wir möchten einen Sinn spüren. Ich glaube, darin unterscheiden wir uns viel weniger, als wir oft denken.

Deshalb beginne ich dort. Nicht bei der Meinung. Sondern beim Menschen. Nicht bei der Debatte. Sondern bei der Beziehung.

Manchmal lasse ich Menschen einfach weitersprechen. Nicht aus Resignation, sondern weil ich gelernt habe, meine Energie zu schützen.

Ich muss nicht jedes Mikrofon erobern. Ich baue lieber Räume, in denen Menschen überhaupt erst ihre eigene Stimme entdecken können.

Vielleicht ist das mein leiser Protest. Nicht noch lauter zu werden. Sondern das Mikrofon weiterzureichen.

An Kinder. An Ältere. An Männer, die leise sind. An Frauen, die sich bisher nicht getraut haben. An Menschen, die zwischen den Kategorien leben. An alle, deren Geschichten unser Bild vom Menschsein erweitern.

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort. Nicht, wenn ich endlich das größte Mikrofon bekomme. Sondern wenn wir anfangen, neugierig zu werden auf Stimmen, die wir bisher überhört haben.

Denn vielleicht braucht die Zukunft gar nicht mehr Heldinnen und Helden. Vielleicht braucht sie mehr Menschen, die bereit sind, einander zuzuhören.

Mit Liebe und einem Kreis, in dem das Mikrofon weiterwandert,
Jeannette

Zurück
Zurück

Der Traumraum

Weiter
Weiter

Geschichten aus der Zukunft