Ein gutes Team
Liebe Mitreisenden,
vor ein paar Tagen waren wir in den Bergen. Wir machten eine wunderschöne Tour zur Falkenhütte. Ich hatte den Anstoß gegeben und die Übernachtung gebucht. Mein Liebster hatte dann eine Rundtour herausgesucht — nicht einfach hoch und runter, so wie ich das getan hätte.
Am ersten Tag kam ich an meine Grenze. Es war heiß. Ich war müde. Ich musste nach dem Abendessen sofort ins Bett und verpasste das wunderschöne Alpenglühen. Mein Liebster weckte mich zum Glück noch einmal kurz, als es am schönsten war, um mir den atemberaubenden Ausblick aus unserem Fenster zu zeigen.
Am nächsten Morgen wachte ich früh auf, ging raus, tanzte im ersten Sonnenlicht mit den Bergen um mich herum. Und anstatt lange zu schlafen, stand mein Liebster auch früh auf, bereitete die Tour vor und fragte mich nach meiner Morgenmeditation, als wäre es das Normalste der Welt, in den Bergen zu tanzen: Bist du fertig? Ach super, dann können wir ja frühstücken.
Unterwegs sahen wir dreizehn Gemsen. Ein Murmeltier. Einen Fuchs. Unterhielten uns mit dem einzigen Menschen, den wir trafen: einem Milchbauern aus der Gegend, der mal eben vor dem Mittagessen eine sechsstündige Bergtour hinlegte. Und hatten dieses Gefühl von echtem Abenteuer.
Dann war mein Liebster dran. Wir waren im Geröll. Unsicherheit machte sich bemerkbar. Ich gab ihm einen meiner Wanderstöcke. Er nahm ihn. Wir schwitzten. Bangten. Durchquerten einen Gebirgsbach und wurden nass. Und kamen gemeinsam, mit leicht zittrigen Knien, unten an.
Wir stießen mit einer Limonade auf das bestandene Abenteuer an und spürten: Wir sind ein gutes Team. Nicht, weil alles leicht war. Sondern weil wir uns gegenseitig getragen und diese Herausforderung gemeinsam überstanden haben.
*
Wieder zurück in der Stadt fühlte sich plötzlich alles schwer an. Die Hitze. Die Luft. Die Gedanken.
Alte Erinnerungen tauchten auf. Ängste. Zukunftsfragen. Die Sorge, ob am Ende überhaupt jemand versteht, was ich erschaffe.
Früher hätte ich versucht, diese Gedanken wegzubekommen. Diesmal machte ich etwas anderes. Ich kochte mir eine warme Morgensuppe. Legte mich mit einer Decke aufs Sofa. Schaltete ein langes Sound Bath an. Und ruhte.
Nicht fünf Minuten. Nicht als Pause zwischen zwei To-dos. Sondern wirklich.
Irgendwann merkte ich: Mein Unterbewusstsein räumt gerade auf. Wie jemand, der alte Schubladen öffnet und sagt: „Das alles brauchen wir nicht mehr."
Vielleicht ist genau das die eigentliche Kraft tiefer Ruhe. Nicht, dass sie Probleme verschwinden lässt. Sondern dass wir aufhören, ständig gegen alles anzuspannen. Auch gegen uns selbst.
*
In den letzten Wochen durfte ich einige Sound Baths erleben. Bei einem kämpfte ich die ganze Zeit gegen das Einschlafen. Ich dachte, ich müsse wach bleiben. Dabei wäre genau das Einschlafen völlig in Ordnung gewesen.
Erst jetzt verstehe ich: Nicht die Klangschalen waren das Entscheidende. Sondern die Erlaubnis.
Die Erlaubnis, nichts leisten zu müssen. Nichts erleben zu müssen. Nichts richtig machen zu müssen. Einfach da zu sein.
Vielleicht ist genau das der Raum, den ich selbst erschaffen möchte. Nicht den perfekten Klang. Sondern einen Ort, an dem Menschen ihren Körper wieder davon überzeugen können, dass Loslassen sicher ist.
*
Mir fällt auf, dass sich das durch mein ganzes Leben zieht. Beim Tanzen. Beim Schreiben. Beim Wandern. Beim Lieben.
Immer weniger frage ich: „Mache ich es richtig?" Immer häufiger frage ich: „Was brauche ich gerade?"
Und erstaunlicherweise entstehen genau dort die schönsten Dinge. Ein Love Letter. Ein Spaceship. Ein Tanz. Oder einfach ein tiefer Mittagsschlaf.
Vielleicht beginnt Vertrauen genau dort. Nicht wenn wir endlich keine Angst mehr haben. Sondern wenn wir aufhören, gegen jeden inneren Zustand anzukämpfen.
Und langsam entdecken: Auch Ruhe gehört zum Leben. Nicht als Pause davon. Sondern als beste Freundin des Lebens. Erst zusammen werden die beiden unschlagbar.
Mit Liebe und einem tiefen Atemzug,
Jeannette