Eine neue Zeitzone
Liebe Mitreisenden,
früher dachte ich, Fülle würde sich anders anfühlen. Spektakulärer. Größer. Eindeutiger. Wie ein Feuerwerk. Oder zumindest wie ein Instagram-Post mit einem inspirierenden Sonnenuntergang und einem Satz über Manifestation.
Stattdessen sitze ich heute auf meinem Sofa und wundere mich darüber, wie unspektakulär glücklich ich gerade bin. Nicht jeden Moment. Aber grundsätzlich.
Und das ist neu. Denn früher war immer irgendetwas. Ein Problem. Eine Suche. Ein Drama. Etwas fehlte. Etwas, wollte gelöst werden.
Heute gibt es immer noch Fragen. Aber sie sitzen nicht mehr am Steuer.
*
Neulich fiel mir auf, dass mein Liebster und ich in unserer eigenen Zeitzone gelandet sind.
Wir wollten eigentlich nur kurz zum See. Dann wurden ein paar Stunden daraus. Niemand schien es eilig zu haben. Niemand schaute ständig auf die Uhr. Es war einfach Sommer.
Ich glaube, Fülle hat viel mit Zeit zu tun. Oder genauer gesagt mit dem Gefühl, dass Zeit nicht ständig gegen einen arbeitet.
Mir fällt auch auf, dass ich immer weniger versuche, den perfekten Tag herzustellen.
Früher wollte ich schöne Erlebnisse organisieren. Heute tauchen sie einfach auf. Ein Gespräch. Ein See. Eine Einladung. Eine Frau aus Mexiko mit rauchiger Stimme. Ein Bündel Johanniskraut auf dem Heimweg. Ein Blumenstrauß.
Nichts davon war geplant. Und genau deshalb war es schön.
Vielleicht ist das der größte Unterschied. Früher dachte ich, Fülle wäre etwas, das man erreicht. Heute fühlt sie sich eher an wie etwas, das auftaucht, wenn man aufhört, ständig nach ihr zu suchen.
Wie ein scheues Tier im Wald. Je mehr man hinterherläuft, desto schneller verschwindet es.
Ich beobachte außerdem etwas Interessantes: Manche Menschen brauchen perfekte Bedingungen, um sich wohlzufühlen. Andere erschaffen Bedingungen, in denen sie sich fast überall wohlfühlen können.
Ich gehöre mittlerweile zur zweiten Gruppe. Nicht weil mein Leben perfekt geworden wäre. Sondern weil ich gelernt habe, einen Raum mitzunehmen.
Manchmal ist dieser Raum ein Kaffee. Manchmal ein Notizbuch. Manchmal die Freude über das Unverhoffte. Manchmal einfach die Fähigkeit, für einen Moment stehenzubleiben und wahrzunehmen. Und manchmal der Mut, einfach ein bisschen außerhalb der eigenen Komfortzone zu verweilen und zu schauen, was passiert.
Vielleicht ist das die Fülle, von der immer alle sprechen. Nicht mehr besitzen. Nicht mehr erreichen. Sondern weniger kämpfen. Weniger festhalten. Weniger kontrollieren.
Und dadurch plötzlich mehr Platz zu haben. Für Überraschungen. Für Sommerabende. Für Geschenke. Für schöne Begegnungen. Für Freude.
Ich glaube, mein Leben ist nicht spektakulärer geworden. Es ist nur freundlicher geworden.
Und ehrlich gesagt: Das reicht vollkommen.
Mit Liebe und wenigen Plänen,
Jeannette