Geschichten aus der Zukunft
Liebe Crew,
ich beobachte seit einiger Zeit etwas. Ganz gleich, ob es um Business geht, um Spiritualität, um Gesundheit oder um Rituale — irgendwann kommt fast immer derselbe Satz.
„Früher haben die Menschen das auch so gemacht."
„Hexen wussten das schon."
„Die Maya…"
Diese Geschichten klingen oft wunderschön. Und manchmal stimmen sie vielleicht sogar. Aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Denn Geschichte wird erzählt. Aufgeschrieben. Ausgewählt. Nicht jede Stimme wurde gehört. Nicht jede Entdeckung bekam den Namen der Person, die sie gemacht hat.
Ich bin deshalb vorsichtig geworden. Nicht, weil ich Geschichte nicht liebe. Sondern weil ich sie ernst nehme.
Was ich dagegen beobachten kann, ist das Hier und Jetzt. Ich kann sehen, dass es heute indigene Gemeinschaften gibt, die in einer tiefen Beziehung zur Natur leben. Manche von ihnen schützen ihre Lebensweise bewusst und suchen keinen Kontakt zur Außenwelt. Das verdient Respekt.
Andere erheben ihre Stimme. Für ihre Wälder. Für ihre Sprache. Für ihre Kultur. Für ihre Menschlichkeit.
Vielleicht sollten wir ihnen öfter zuhören. Statt nur Geschichten über ihre Vorfahren zu erzählen.
Ich merke, dass ich keine Vergangenheit romantisieren möchte. Und genauso wenig die Gegenwart. Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich Leid. Das offensichtliche — Menschen, die betteln, die süchtig sind, die verloren wirken. Und ich sehe das andere Leid. Das glänzende. Menschen, die lachen, die beschäftigt sind, die perfekt aussehen. Und darunter manchmal eine Sehnsucht. Eine Suche. Ich kenne sie. Aus meinem eigenen Leben.
Früher dachte ich oft, ich müsste die richtige Geschichte finden. Heute glaube ich etwas anderes.
Vielleicht brauchen wir nicht mehr Geschichten über das goldene Gestern. Vielleicht brauchen wir mehr Geschichten über ein menschlicheres Morgen. Nicht als Flucht, sondern als Richtung.
Schon vor uns haben Menschen gelebt, die sich nach einer menschlicheren Zukunft gesehnt haben. Ich weiß nicht, wer sie waren. Aber ich glaube, sie gab es. Und irgendwie fühle ich mich ihnen verbunden. Weil ich ihre Hoffnung teile.
Möglicherweise ist das der eigentliche Faden, der uns durch die Zeit verbindet. Nicht dieselben Werkzeuge. Nicht dieselben Traditionen. Sondern dieselbe Sehnsucht. Die Sehnsucht, menschlicher miteinander zu leben.
Ich möchte keine alten Geschichten wiederholen, nur weil sie alt sind. Ich möchte neue Geschichten erzählen. Geschichten, in denen wiruns nicht ständig optimieren müssen. In denen Traurigkeit dazugehören darf. In denen wir ehrlich sagen können: „Ich weiß gerade nicht weiter." Und trotzdem weitergehen.
Ich möchte nicht in der Zukunft leben. Ich möchte in der Zukunft träumen. Und im Heute leben.
Denn genau hier können wir einander zuhören. Genau hier können wir einen Baum pflanzen. Ein Lied schreiben. Ein Essen teilen. Ein Kind ernst nehmen. Oder einfach einen Menschen freundlich ansehen.
Vielleicht beginnt Zukunft genau hier. Nicht irgendwann. Sondern in den kleinen Entscheidungen, die wir heute, in diesem Augenblick, treffen.
Eines Tages werden Menschen auf unsere Zeit zurückschauen. Ich hoffe nicht, dass sie sagen: „Sie hatten alle Antworten."
Ich hoffe, sie sagen: „Sie hatten den Mut, neue Geschichten zu erzählen." Geschichten, in denen Hoffnung nicht bedeutete, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Sondern sie offen zu halten. Und trotzdem weiterzuträumen.
Mit Liebe und der Zuversicht,
Jeannette