Der Kreis des Kosmos
Liebe Crew,
ich finde Dinge auf der Straße. Eine Vase. Ein Buch. Eine Bluse. Manchmal etwas, von dem ich bis fünf Minuten vorher nicht wusste, dass ich es brauche.
Ich nehme es mit. Und genauso stelle ich Dinge vor die Tür, wenn ich sie nicht mehr brauche. Jemand anderes nimmt sie mit.
Ich weiß nicht, wer. Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, was daraus wird.
Ich mochte das schon immer. Dinge verschwinden nicht einfach, nur weil sie aus meinem Leben verschwinden. Sie ziehen weiter. Vielleicht stehen sie ein paar Straßen weiter in einer anderen Wohnung. Vielleicht freut sich dort jemand jeden Morgen über die Vase, die bei mir jahrelang im Schrank stand.
Ich habe lange nicht darüber nachgedacht. Bis ich irgendwann merkte: Ich mache das nicht nur mit Dingen. Ich mache das auch mit Geschichten.
2020 begann ich, die handgeschriebenen Erinnerungen meiner Urgroßmutter zu bearbeiten. Vier Bücher voller Leben. Eine Frau, die 1900 geboren wurde und fast ein ganzes Jahrhundert erlebt hatte.
Ich wollte ihre Geschichte nicht nur aufbewahren. Ich wollte, dass wir sie wieder lesen können. Dass meine Mutter sie lesen kann. Dass Familienangehörige und Menschen, die lange nach meiner Urgroßmutter geboren wurden, plötzlich wieder neben ihr sitzen und hören können, was sie zu erzählen hatte.
Jahre später begegnete ich den Symbolen der Mapuche, der indigenen Kultur meiner chilenischen Herkunft. Wieder begann ich zu suchen.
Was bedeuten diese Zeichen? Woher kommen sie? Und vor allem: Was lebt darin noch?
Denn ich möchte alte Formen nicht einfach wiederholen. Ich möchte verstehen, was sie erzählen. Was daran zeitgebunden ist. Und was so menschlich ist, dass es Jahrhunderte, Kontinente und Kulturen überqueren kann.
Aus dieser Suche entstand The Circle of the Cosmos.
Lange dachte ich, ich hätte ein Kartenset erschaffen. Inzwischen glaube ich, dass ich einem Prinzip eine Form gegeben habe, das ich schon viel länger lebe.
Dem Kreis. Etwas kommt zu uns. Wir empfangen es. Wir lernen es kennen. Wir leben damit. Wir verändern uns daran. Und irgendwann geben wir etwas weiter. Nicht unbedingt dasselbe. Vielleicht sogar etwas vollkommen anderes.
Vor kurzem begann sich ein weiterer Teil meiner Familiengeschichte für mich wieder zu öffnen. Die väterliche Linie. Das Baltikum. Estland. Lasva.
Menschen, deren Namen ich teilweise gerade erst kennenlerne. Plötzlich taucht ein Ururgroßvater aus der Vergangenheit wieder auf und wird zu einem Menschen, über den ich mehr wissen möchte.
Mich interessieren dabei andere Fragen als Daten und Orte. Was erzählt ein Leben über Zugehörigkeit? Über Heimat? Über Verlust und Aufbruch? Und wo begegnen uns dieselben Fragen heute, obwohl unser Leben vollkommen anders aussieht?
Vielleicht bin ich deshalb keine Bewahrerin von Vergangenheit. Ich glaube ich bin Übersetzerin.
Ich möchte Dinge nicht in Museen meines Lebens stellen und sagen: Schaut, so war das damals.
Ich möchte sie wieder ans Feuer holen. An einen Tisch. In einen Körper. In ein Buch. Auf eine Karte. In den Alltag. Und fragen: Was hat das mit uns zu tun?
Manchmal stelle ich mir meine Vorfahren an einem großen Lagerfeuer vor. Eine ziemlich bunte Truppe. Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Zeiten. Deutsche Vorfahren meiner mütterlichen Familie. Baltische Vorfahren meines Vaters. Chile.
Ich stelle mir die Runde erstaunlich fröhlich vor. Ich glaube, sie haben viel zu erzählen. Und vermutlich auch Einiges zu feiern.
Vielleicht besteht unsere Verbindung zu denen, die vor uns kamen, nicht nur aus dem, was schwer war. Vielleicht haben sie uns auch ihren Mut weitergegeben. Ihre Verrücktheit. Ihre Kreativität. Ihre Fähigkeit aufzubrechen, zu lieben, neu anzufangen und über dieses verrückte Leben zu lachen.
Vielleicht tragen wir viel mehr Menschen in uns, als wir wissen.
Ich dachte lange, ich käme aus dem Nichts. Heute sehe ich überall Wurzeln.
In meiner Herkunft. In Deutschland, im Baltikum, in Chile und Brasilien. In den Familiengeschichten, die ich langsam kennenlerne. Und auch in den Wurzeln, die später in mein Leben hineingewachsen sind. Mein Liebster und seine bayerische Familie. Menschen und Orte, die mich aufgenommen haben. Freundschaften. Länder, in denen etwas von mir lebendig wurde.
Ich muss mich nicht für eine dieser Wurzeln entscheiden. Ich bin kein einzelner Stamm mit einer geraden Linie nach unten. Ich bin ein Ökosystem.
Vielleicht ist auch das ein Kreis. Wir kommen nicht aus dem Nichts. Wir empfangen unendlich viel. Von Menschen, die wir kennen. Von Menschen, deren Namen wir vergessen haben. Und von Landschaften, Kulturen, Beziehungen und Geschichten, in die wir mit unserem Leben hineinwachsen.
Und irgendwann kommt dieser Moment, in dem etwas davon durch uns hindurch wieder in die Welt möchte. In einer neuen Form. Erst verstanden. Dann gelebt, verwandelt und weitergegeben.
Damit es wieder jemand anderes aufnehmen kann.
Ich weiß nicht, wohin die Vase gegangen ist, die ich irgendwann auf die Straße gestellt habe. Ich weiß auch nicht, wohin all die Geschichten gehen werden, die gerade durch mein Leben wandern.
Aber vielleicht brauche ich das gar nicht zu wissen.
Der Kreis bewahrt nicht alles. Der Kreis lässt weiterleben.
Mit Liebe und einer ziemlich schelmischen Ahnenbande,
Jeannette