Lücken
Liebe Crew,
vielleicht hast du gelernt, dass du alles können musst, bevor du anfangen kannst. Dass du einen Plan brauchst. Die richtigen Mittel. Die richtigen Fähigkeiten. Und am besten schon die Antwort auf jede Frage, die unterwegs auftauchen könnte.
Vielleicht hast du deshalb lange versucht, die Lücken selbst zu schließen.
Du hattest eine Idee und hast organisiert. Du hattest einen Impuls und hast andere mitgezogen. Du brauchtest etwas und hast herausgefunden, wie du es selbst beschaffst.
Bis du irgendwann ziemlich gut darin warst, vieles allein zu können.
Und ziemlich müde.
Dabei sind die Lücken vielleicht gar nicht das Problem. Vielleicht sind sie die Stellen, an denen andere Menschen andocken können.
Du sagst: Wir brauchen ein Auto. Jemand anderes sagt: Ich weiß wo eins steht.
Du kannst fahren. Die andere Person kennt den Weg.
Du bringst deine Musik. Sie bringt ihre.
Jemand bringt Licht. Jemand einen Raum. Jemand eine Kamera. Jemand kocht.
Und plötzlich entsteht etwas, das keiner von euch allein hätte erschaffen können. Gerade weil ihr verschieden seid.
Vielleicht bedeutet Unterstützung auch nicht immer: Ich helfe dir.
Vielleicht klingt sie manchmal einfach so:
Hier, nimm mein Auto. Hör dir mal dieses Lied an. Ich kenne da einen Ort. Soll ich das für dich filmen? Ich koche heute. Ich habe etwas in deinem Text gesehen.
Und manchmal bringt sogar das Leben etwas mit. Einen kleinen Weg, an dem du spontan abbiegst. Ein Stück Wald, in dem du schlafen kannst. Wind genau im richtigen Moment. Eine Kiste am Straßenrand, die niemand für dich hingestellt hat. Und die trotzdem genau dort steht, wo du sie brauchst.
Du brauchst nicht alles mitzubringen. Du brauchst nicht einmal vorher zu wissen, was alles gebraucht wird.
Es reicht mit dem zu kommen, was wirklich deins ist. Und anderen zu erlauben, dasselbe zu tun.
Denn Ko-Kreation entsteht nicht, wenn alle dasselbe können, dasselbe sehen und denselben Weg gehen. Sie entsteht dort, wo deine Welt auf eine andere trifft — und beide danach ein bisschen größer sind.
Vielleicht sind deshalb ausgerechnet die Stellen, an denen dir etwas fehlt, nicht deine Schwächen. Vielleicht sind sie Einladungen.
Hier ist noch Platz: Für einen anderen Menschen. Eine andere Idee. Eine andere Fähigkeit. Eine andere Welt.
Und vielleicht brauchst du das Leben gar nicht mehr ganz alleine bewegen.
Vielleicht ist längst etwas anderes passiert: Es bewegt sich mit dir.
Mit Liebe und einigen Lücken,
Jeannette