Im Winter entsteht die Blüte
Das Noch-nicht trägt bereits alles in sich.
Heute bin ich spazieren gegangen.
Und wie so oft habe ich bemerkt: Sobald ich in der Natur bin, beginnt etwas zu sprechen.
Nicht laut. Nicht direkt. Aber klar.
Diesmal waren es zwei Schwäne. An einem Ort, an dem ich sie sonst nie sehe.
Dann kam eine Krähe dazu. Ganz selbstverständlich.
Kurz darauf folgten einige Gänse.
Die Gänse gingen voraus.
Die Schwäne folgten ruhig.
Die Krähe blieb am Ufer.
Und ich dachte: So könnte Zusammenleben aussehen.
Jeder weiß, wer er ist.
Die Schwäne – ruhig, würdevoll.
Die Gänse – laut, verbunden, in Bewegung.
Die Krähe – frei, anpassungsfähig, zwischen den Welten.
Sie waren zusammen. Und gleichzeitig ganz sie selbst.
Ein Stück weiter kam mir ein Mann entgegen, der telefonierte. Neben ihm lief ein Husky.
Immer wieder stieß der Hund ein leises Heulen aus. Als würde etwas in ihm antworten. Und für einen Moment sah ich den Wolf in ihm. Und gleichzeitig: Er war nicht in seinem Territorium.
Dann erreichte ich die Magnolien. Ich lehnte mich an einen Baum. Und ich weinte.
Nicht aus Traurigkeit. Sondern weil ich gerade etwas Altes losgelassen hatte.
Und das Neue war noch nicht sichtbar.
Ich betrachtete die Knospen.
Sie waren bereits im Herbst entstanden. Und hatten einfach gewartet. Den ganzen Winter. Still. Unspektakulär. Fast niemand sieht sie. Und doch tragen sie die gesamte Blüte bereits in sich.
Und ich dachte: Mit uns ist es genauso.
Im Frühling kommen alle, wenn es sichtbar wird. Wenn es blüht. Wenn es schön wird.
Aber der Winter ...
Der Winter ist still.
Und ehrlich.
Die Bäume sind kahl.
Und zeigen ihre Struktur.
Was trägt.
Was schwach geworden ist.
Was gehen darf.
Ich habe das Gefühl: Nur wenige bleiben wirklich bei dieser Stille.
Bei diesem Noch-nicht.
Und gleichzeitig entsteht genau dort etwas Echtes.
Vielleicht kennst du das.
Mit Liebe,
Jeannette