Ja

Liebe Mitreisende,

heute Morgen stand ich auf dem Balkon und schaute dem Sonnenaufgang zu. Das goldene Licht hatte mich dorthin gelockt.

Die Schwalben flogen ihre Kreise am Himmel und schienen dabei eine Menge Spaß zu haben. Ich stand im Nachthemd dort und beobachtete sie, während die Sonnenstrahlen meine Haut küssten.

Früher hätte ich wahrscheinlich zuerst auf mein Handy geschaut. Heute schaute ich zuerst in den Himmel.

Manchmal sind es diese kleinen Dinge, an denen man erkennt, dass sich etwas verändert hat.

In den letzten Tagen habe ich viele Dinge verabschiedet. Alte Vorstellungen darüber, wie Gemeinschaft aussehen muss. Orte, die sich nicht mehr stimmig anfühlen. Die Idee, dass ich überall ein bisschen dazugehören muss.

Wenn etwas innerlich längst beendet ist, verbraucht das Festhalten oft auf beiden Seiten Kraft. Manchmal ist eine klare Entscheidung das liebevollste Geschenk. Nicht weil etwas falsch war. Sondern weil etwas vollständig geworden ist.

Während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich seit einer Woche keine Gummibärchen mehr gegessen habe.

Das ist lustig. Monatelang waren sie meine treuen Begleiter. Nicht als Süßigkeit, sondern als Notproviant. Für lange Tage. Für müde Tage. Für Landungen.

Beim letzten Einkauf kaufte ich sogar noch eine Tüte. Für alle Fälle. Irgendwie verschwand diese dann aus meinem Leben, bevor sie überhaupt in meinem Rucksack landete.

Ich kam ohne Gummibärchen nach Hause. Aber mit Geschichten. Mit einer Reiseidee. Mit Begegnungen.

Vielleicht war das die eigentliche Nahrung.

Vor ein paar Tagen saß ich an meinem Schreibtisch und fädelte Perlen auf zu einer Kette. Ich dachte an Chile. An meine Herkunft. An all die Fäden, die sich durch mein Leben ziehen und die ich oft erst Jahre später erkenne.

Zunehmend habe ich das Gefühl, dass ich Dinge nicht erfinde. Sondern mich erinnere.

Zum Beispiel daran, dass ich schon als junge Frau Welten gebaut habe. Meine erste Wohnung hatte ein goldenes Bad. Eine rot gestrichene Küche. Bunte Bäume an gelb gestrichenen Wänden. Überall kleine runde Spiegel. Einen gelben Papagei. Und ständig internationale Couchsurfer zu Besuch.

Damals habe ich mir nichts dabei gedacht.

Heute denke ich: Ach so. Das Spaceship war schon da. Es hatte nur einen anderen Namen.

Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich, dass mein Weg nie besonders geradlinig war. Ich wollte Designerin werden. Künstlerin. DJane. Reisejournalistin. Tänzerin. Irgendetwas mit Menschen. Irgendetwas Internationales.

Heute sitze ich zwischen Perlen, Love Letters, Büchern, Bergen und Kartendecks und denke:

Offenbar war die Antwort die ganze Zeit „ja".

Und dann träumte ich von Mexiko. Ich wusste nicht, was ich dort tun sollte. Nur, dass ich hin musste.

Das beschreibt mein Leben vermutlich besser als jeder Businessplan. Ich weiß selten genau warum. Aber ich spüre erstaunlich oft wohin.

Und irgendwann, oft Jahre später, verstehe ich auch den Rest.

Mit Liebe und einer Aprikose im Mund,
Jeannette

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