Startrampe
Liebe Mitreisende,
heute dachte ich an Startrampen. Nicht an die großen. Nicht an Raketen. Sondern an die kleinen. Die, die plötzlich auftauchen, nachdem man monatelang gelandet ist.
In den letzten Wochen habe ich so oft von Landung geschrieben. Von Müdigkeit. Von Integration. Von dem Gefühl, dass etwas Großes in mir sortiert wird und ich nicht weiß, wann es fertig sein wird.
Und dann stand ich plötzlich in einer Baile-Funk-Klasse. Eine Art brasilianisches Twerkout.
Ich hatte das schon immer ausprobieren wollen. So wie ich schon immer Schmuck basteln wollte. So wie ich schon immer von einem Ort geträumt habe, an dem Menschen zusammenkommen, lachen, tanzen, sich erinnern und einfach sie selbst sein dürfen.
Während ich tanzte, verstand ich etwas. Nicht mit dem Kopf. Mit dem Körper.
Manchmal versteckt sich die Startrampe in einer Bewegung. In einem Lied. In der Art die Hüften zu kreisen. In einem „Ahhhh, das macht Spaß!"
Ich habe anscheinend lange geglaubt, dass Kreativität etwas ist, das ich tue. Mittlerweile glaube ich: Kreativität ist etwas, das mich ernährt.
Ich bin immer noch müde. Aber mit etwas mehr Licht macht alles mehr Freude.
Heute morgen habe ich wieder Schmuck gebastelt. Das erste Mal seit Ewigkeiten.
Dabei musste ich an all die Schmuckstücke denken, die ich in Brasilien an ganz bestimmten Orten gekauft und später wieder losgelassen habe. Damals machte mich das traurig. Aber mein Körper gab mir zu verstehen, dass das so sein musste. Und ich vertraue meinem Körper.
Heute weiß ich warum: Sie haben Platz gemacht. Für etwas Eigenes. Für etwas, das nicht gekauft werden, sondern durch meine Hände entstehen wollte.
Also saß ich an meinem „Arbeitstisch". Eine holografische Folie voller Regenbögen. Tausende kleine Kristalle. Perlen. Fäden.
Und musste lachen. Denn wenn das Arbeit ist, dann habe ich mir mein Leben wirklich sehr eigenwillig eingerichtet.
Während ich Perlen auffädelte, hörte ich ein Sound Bath mit tibetischen Klangschalen. Und plötzlich verstand ich etwas, das eigentlich schon immer da war: Sound gehört zu meinem Spaceship. Schon immer.
Musik. Klang. Stimme. Hypnose. Meditation. So wie die Regenbögen. So wie das Lagerfeuer. So wie die Berge. So wie Brasilien.
Es sind keine einzelnen Interessen. Es sind verschiedene Türen in dasselbe Haus.
Und während ich den Klang hörte und die Kristalle betrachtete, trank ich Wasser aus meiner Kupferflasche.
Plötzlich schmeckte ich das Kupfer. Richtig. Zum ersten Mal. Und dann erinnerte ich mich: Chile besitzt die größten Kupfervorkommen der Erde.
Ich musste lächeln. Wie oft verbinden wir uns mit unseren Wurzeln und merken es nicht einmal? Nicht über große Reisen. Nicht über Ahnenforschung. Sondern über einen Schluck Wasser. Ganz einfach.
Und jetzt verstehe ich, dass ich mich auf meine Weise erde. Und auf meine Weise himmle.
Ich gehe in die Natur. Ich tanze Baile Funk. Ich bastle. Ich höre Klangschalen. Ich umgebe mich mit Dingen, die Licht werfen. Ich sitze am Lagerfeuer.
Und irgendwo dazwischen finde ich immer wieder zu mir zurück. Oder genauer: Ich erinnere mich.
Auch mein Spaceship erinnert sich. Es wird immer deutlicher, dass es kein Kleid ist. Kein Outfit. Sondern ein Gefährt. Ein Raum. Eine Art, durch die Welt zu reisen.
Mit Liebe und ersten Lichtern im Cockpit,
Jeannette