Kaffee
Liebe Mitreisenden,
es ist interessant, wie Wörter manchmal hinterherlaufen. Erst lebt man etwas. Dann findet die Sprache den Mut, es auszusprechen.
Neulich wurde mir klar, dass Kaffee für mich eine Brücke geworden ist.
Eine Brücke nach Südamerika. Eine Brücke zu meinem Liebsten. Eine Brücke zwischen Zuhause und Unterwegssein.
Früher mochte ich keinen Kaffee. Er war mir zu bitter. Wenn ich ihn trank, dann meistens bei der Arbeit. Nicht weil ich ihn mochte, sondern weil ich funktionieren wollte. Kaffee gehörte zur Leistung. Zu Meetings. Zu Büros. Zu langen Tagen.
Dann änderte sich etwas.
Nachdem ich aufgehört hatte täglich ins Büro zu gehen, begann mein Liebster morgens Kaffee zu mahlen. Mit einer kleinen Handmühle aus Chile. Er schäumte Hafermilch mit der Hand auf und stellte mir den Kaffee hin. Ganz selbstverständlich. Ganz liebevoll.
Und irgendwann bemerkte ich, dass ich plötzlich Kaffee mochte. Nicht den Kaffee aus dem Büro. Nicht den Kaffee zum Funktionieren. Sondern diesen Kaffee.
Heute kaufen wir ganze Bohnen — am liebsten aus Südamerika. Wir probieren neue Sorten aus. Vergleichen Geschmäcker. Unterhalten uns darüber. Der Kaffee ist eine Art Konversation geworden.
Ich trinke ihn aus einem olivgrünen Thermobecher, den mir mein Liebster geschenkt hat. Manchmal im Bad. Manchmal zwischen Love Letters am Schreibtisch. Manchmal auf dem Sofa. Manchmal gehe ich einfach los und nehme ihn mit.
Früher trank ich Kaffee, um wach zu werden. Heute trinke ich Kaffee, um anzukommen.
Vielleicht ist das die Geschichte der letzten Jahre: dass immer mehr Dinge aufhören, Werkzeuge zu sein — und anfangen, Beziehungen zu werden.
*
In den letzten Tagen habe ich etwas sehr Einfaches gemacht. Ich bin zum Aldi gefahren. Für Kaffee. Eigentlich unspektakulär.
Unterwegs hatte ich so großen Hunger, dass ich mir spontan etwas kaufte und im Gehen aß. Mein Körper nahm jeden Bissen auf, als hätte er darauf gewartet. Später kam ich an einem kleinen Stand vorbei. Ein Gespräch entstand. Dann noch eines. Und noch eine Idee.
Und plötzlich dachte ich: Warum eigentlich nicht einmal nach Bangkok?
Nicht weil ich fliehen möchte. Sondern weil es schön wäre. Einfach schön.
Früher hätte ich sofort begonnen zu planen. Listen zu schreiben. Vor- und Nachteile abzuwägen. Jetzt dachte ich einfach: Warum eigentlich nicht?
Diese Frage gefällt mir.
Warum nicht eine Sommerbluse tragen, obwohl man nirgendwo hingeht?
Warum nicht neue Wege durch die Stadt nehmen?
Warum nicht zwei Wochen nach Thailand fliegen?
Warum nicht etwas bauen, das vorher noch niemand gesehen hat?
Warum nicht sichtbar werden?
Warum nicht glücklich sein?
Es fühlt sich an, als würde das Leben langsam wieder größer werden. Weder spektakulär noch als großer Durchbruch. Sondern als Möglichkeit.
Ich muss mein Leben nicht mehr verteidigen. Nicht erklären. Nicht rechtfertigen.
Ich darf es einfach leben.
Und vielleicht beginnt genau dort die Leichtigkeit, nach der ich so lange gesucht habe.
Mit Liebe und einem warmen Kaffee im Magen,
Jeannette