Am Lagerfeuer
Liebe Mitreisende,
lange dachte ich, ich liebe Lagerfeuer. Das stimmt. Aber nur zur Hälfte.
Eigentlich liebe ich das, was am Lagerfeuer geschieht.
Menschen kommen an. Sie setzen sich dazu. Erzählen Geschichten. Lachen. Schweigen. Schauen in die Flammen. Und für einen Moment spielt es keine Rolle mehr, wer wichtig ist und wer nicht. Wer erfolgreich ist. Wer Recht hat.
Am Feuer sitzen alle im Kreis. Auf Augenhöhe.
Vielleicht liebe ich deshalb Lagerfeuer so sehr. Weil sie Menschen wieder zu Menschen machen.
Lange suchte ich sie. An der Isar. Auf Reisen. In Chile. In Brasilien. Auf Festivals. Bei Retreats. Manchmal tanzte ich sogar mit meinen imaginären Ahnen um ein Lagerfeuer, wenn es regnete und mir kalt war. Später tanzte ich mit Feuerfächern. Ich baute auf einem Festival meinen eigenen Feuerstab, mit dem ich auch eine Weile tanzte.
Irgendetwas in mir folgte dieser Spur schon immer. Ohne zu wissen warum.
*
Vor ein paar Jahren organisierte ich eine Überraschungsparty. Nicht für mich. Für einen Menschen, den ich liebte.
Er sprach oft davon, einmal eine große Grillfeier zu machen — und gleichzeitig wusste ich: Er würde sie wahrscheinlich nie organisieren. Zu viele Details. Zu viel Perfektionismus.
Also übernahm ich alles. Gemeinsam mit Familie und Freunden. Grills, Getränke, Bänke, Zelte, Essen, Musik. Und später sogar ein echtes Lagerfeuer.
Während ich die Feier plante, bemerkte ich etwas: Dort würden Menschen zusammenkommen, die sich kaum kannten. Kinder. Erwachsene. Großeltern. Unterschiedlichste Welten, unterschiedlichste Persönlichkeiten.
Wie bringt man all diese Menschen zusammen?
Die Antwort war überraschend einfach. Nicht Networking. Nicht Kennenlernrunden. Nicht Zwang.
Spiel.
Also erfand ich eine bayerische Olympiade. Mit Disziplinen für unterschiedliche Talente. Für Schnelle, für Geschickte, für Kluge, für Kinder, für alle. Und bei den Teamnamen merkte ich etwas: Zuerst dachte ich an große Tiere. Löwen. Jaguare. Wölfe. Doch dann fühlte es sich falsch an. Zu viel Wettbewerb. Zu viel Leistung.
Also wurden daraus Eichhörnchen. Hasen. Katzen. Freundliche Wesen. Solche, mit denen man gerne Zeit verbringt.
Die Überraschung gelang. Die Feier auch. Aber mein Lieblingsmoment war weder der Grill noch das Essen noch das Lagerfeuer.
Mein Lieblingsmoment war, zu sehen, wie die Kinder später von selbst weiterspielten. Die Olympiade war längst vorbei. Aber sie spielten weiter. Sie brauchten niemanden mehr, der sie anleitete. Sie wussten bereits, wie man gemeinsam eine gute Zeit hat.
*
Vielleicht ist das mein eigentliches Lagerfeuer.
Nicht das Feuer. Nicht die Flammen. Sondern Räume, in denen Menschen wieder miteinander in Kontakt kommen: mit sich selbst, mit anderen, mit ihrer Freude, mit ihrem Spieltrieb, mit ihrer Menschlichkeit.
Vor Kurzem wurde mir klar, dass ich dieses Lagerfeuer längst gefunden habe.
Es passt in eine Tasche. Manchmal besteht es aus einem Kartenset. Manchmal aus einer Kerze. Manchmal aus einem Kreis von Menschen. Manchmal aus einem Buch. Manchmal aus einer Frage.
Manchmal einfach aus einem Raum, in dem Menschen ankommen dürfen — so wie sie sind.
Und für einen Moment spüren: Wir sitzen bereits am Feuer.
Mit Herzenswärme,
Jeannette