Zuhause
Liebe Mitreisenden,
In den letzten Tagen habe ich etwas Seltsames bemerkt. Schleichend. Als würde sich ein Nebel lichten.
Ich glaube, ich höre auf, mein Leben zu verwalten. Und beginne, es zu bewohnen.
Vor einigen Tagen träumte ich von Menschen aus einer früheren Zeit. Von Gesprächen, die kein Ende fanden. Von Aufmerksamkeit, die etwas von mir wollte. Von alten Dynamiken.
Und im Traum geschah etwas Neues: Ich blieb nicht stehen. Ich ging weiter. Nicht aus Härte, sondern weil ich wusste, wohin ich wollte.
Später fiel mir auf: Das war nicht nur ein Traum so.
In den letzten Tagen kamen Menschen zurück. Menschen, die lange nichts von mir gehört hatten.
Manche freuten sich. Manche waren verletzt. Manche überrascht.
Und zum ersten Mal hatte ich nicht das Bedürfnis, mich zu erklären. Ich konnte die Gefühle sehen — und gleichzeitig meine Wahrheit behalten.
Früher hätte ich versucht, alles zu reparieren. Heute spüre ich: Manche Brücken müssen nicht überquert werden. Es reicht, sie zu bauen.
*
Dann fand ich ein altes Video. Eine frühere Version von mir.
Sie sprach über Sehnsucht. Über Scham. Über den Wunsch, sich freier auszudrücken. Über das ungute Gefühl, sich selbst nicht ganz zu gehören.
Ihre Stimme war leiser. Jünger. Vorsichtiger. Und doch wusste sie erstaunlich viel. Sie konnte nur noch nicht sehen, was ich heute sehen kann.
Ich saß davor und dachte: Du hast es geschafft. Nicht geradlinig. Aber du bist dort angekommen, wo du dich einmal hingewünscht hast.
Vielleicht ist das die größte Überraschung — dass die Zukunft manchmal nicht irgendwo vor uns liegt. Sondern längst beginnt, während wir noch denken, wir wären verloren.
*
Interessanterweise geschieht das alles in einer Zeit, in der ich müde bin.
Wie nach einem langen Umzug. Wie bei jemandem, der die letzten Kisten ausgepackt hat und nun zum ersten Mal auf dem Sofa sitzt.
Und feststellt: Ich bin zuhause.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte dieser Tage. Nicht Wachstum. Nicht Sichtbarkeit.
Sondern Zugehörigkeit. Zu mir selbst. Zu meinem Leben. Zu dem Haus, das ich all die Jahre gebaut habe — und das nun endlich bewohnt werden möchte.
Mit Liebe,
Jeannette