Vitamin P
Liebe Crew,
ich saß am Schreibtisch. Und war mittendrin. Meine Termine für den Herbst ankündigen und eine lange Liste von Dingen erledigen. Wer kennt es nicht?
Irgendwann brauchte ich eine Pause.
Also stand ich auf und tanzte. Nur ein Lied, dachte ich…
Ich tanzte vor dem Spiegel, sah mich dabei an und dachte: ziemlich schön sehe ich heute aus. Dann begann ich, meinen Körper zu berühren. Mich sanft zu streicheln.
Beim nächsten Lied fing ich an zu singen. Und zündete eine Kerze an. Dann bekam ich Lust auf meine Shruti Box, setzte mich auf den Boden und begann mit ihr zu singen. Und weil mein Kartendeck neben mir lag, zog ich eine Karte: Pifilka. Die Pfeife.
Ich musste lachen. Pifilka gehört in meinem Circle of the Cosmos zur Luft. Sie erinnert daran, der eigenen inneren Bewegung einen Klang zu geben. Atem trifft auf Form, etwas wird hörbar. Es muss nicht schön klingen und braucht kein Publikum. Manchmal reicht es, wenn der eigene Körper sich selbst hört.
Also sang ich weiter. Ich summte. Ich machte Geräusche. Es wurde albern. Und irgendwann lachte ich mich kringelig.
Dabei dachte ich plötzlich: Das mache ich am Freitag in meiner Shamanic Self-Love Journey.
Und einen Moment später: Moment mal. Ich mache gerade eine Shamanic Self-Love Journey!
Ich hatte getanzt. Mich angesehen. Mich berührt. Mich ausgedrückt. Eine Kerze angezündet. Ein Instrument gespielt. Einer Karte geantwortet. Gelacht!
Nichts davon hatte ich geplant. Es war einfach aus mir herausgeflossen.
So lustig! Denn in den vergangenen Tagen hatte ein Teil von mir immer wieder gedacht: Ich muss mich noch auf Freitag vorbereiten. Noch etwas aufschreiben. Noch einmal über den Ablauf nachdenken.
Mein Körper hatte dazu offenbar eine andere Meinung: Ähm. Nö!
Ich glaube ich brauchte heute einfach etwas anderes. Vitamin P.
Vitamin P ist für mich die ironische Bezeichnung für Pillen. Mein Vitamin P sieht gerade anders aus:
Pausen. Eine Unterbrechung, in der nicht schon die nächste Aufgabe wartet.
Pleasure. Mich selbst anschauen und mögen. Berührung. Genuss. Ein Körper, der sich selbst mag.
Play. Etwas tun, dessen Ausgang vollkommen egal ist. Singen, obwohl niemand zuhört. Geräusche machen, weil sie lustig sind. Malen. Tanzen. Ausprobieren.
Und seit heute: Pifilka. Luft durch sich tanzen zu lassen und hören, was entsteht.
Ich hole jetzt wieder meine warmen Pullis hervor. Und gleichzeitig habe ich das seltsame Gefühl: In mir beginnt gerade der Sommer.
Denn ich sehne mich nach Farben. Ich möchte zu lauter Musik durch die Stadt rennen anstatt immer nur zu spazieren. Ich habe mir einen schillernden Acryl-Tisch gekauft, an dem ich malen und basteln kann, ohne vorher meinen Schreibtisch freiräumen zu müssen.
Ich möchte mich schmücken. Singen. Lachen. Und spielen!
Ich glaube das ist die Ernte von all der Arbeit, die davor kam. Eine Pflanze verbringt schließlich nicht ihr gesamtes Leben damit, ihre Wurzeln zu heilen. Irgendwann blüht sie. Und die Blüte muss nicht gleich wieder an sich arbeiten. Sie kann einfach Blüte sein.
Lange habe ich gefragt: Was brauche ich, damit es mir gut geht? Eine wichtige Frage.
Aber gerade schiebt sich eine andere daneben: Was macht mir Freude?
Weder: Was ist sinnvoll? Noch: Was reguliert mein Nervensystem?
Sondern: Was lässt meine Augen leuchten? Was ist so unnötig, dass es schon wieder köstlich ist? Wo möchte etwas aus mir herauskommen, bevor ich einen Plan dafür geschrieben habe?
Vielleicht sehnst du dich auch danach? Vielleicht besteht dein Vitamin P heute aus fünf Minuten Musik in der Küche. Vielleicht aus einer Pause. Aus einem Stück Kuchen. Aus einem albernen Geräusch. Aus einer Farbe. Aus einem Kleidungsstück, das schon viel zu lange unbeachtet im Schrank hängt. Aus einer Idee, die nirgendwohin führen braucht. Oder aus etwas, das nur du kennst.
Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, Bedingungen dafür zu schaffen, dass wir funktionieren. Vielleicht können wir auch Bedingungen dafür erschaffen, dass wir spielen.
Mein Herbst beginnt mit warmen Pullis, einer gelben Decke, einem Regenbogentisch und einer ziemlich hohen Dosis Vitamin P. Bei Nebenwirkungen wie spontaner Freude, albernen Geräuschen oder dem dringenden Bedürfnis zu tanzen: einfach weitermachen!
Mit Liebe und einer Extradosis,
Jeannette