Ernte
Liebe Crew,
ich war diese Woche in den Bergen.
Eigentlich wollte ich morgens von der Hütte ins Tal zurückgehen. Frühstücken, Rucksack packen, absteigen. Dann kam ich mit einer Frau beim Frühstück ins Gespräch. Wir redeten über das Wandern, Kleidung und darüber, dass man für die Berge erstaunlich wenig Spezialausrüstung braucht.
Und irgendwie zog mich dieses Gespräch nicht ins Tal, sondern noch einmal nach oben.
Also ging ich. Durch ein Stück Wald, das ich schon kannte und trotzdem fast vergessen hatte. Überall Wasser. Kleine Bäche, ein Wasserfall, feuchte Erde, Felsen und Licht zwischen den Bäumen.
Ich füllte meine Flasche an einer Quelle auf. Später hielt ich Hände, Füße und Kopf ins eiskalte Wasser und erinnerte mich daran, wie gut mir die Berge tun. Und ließ einen aufgeschnittenen Apfel da als stillen Dank für dieses Stück Erde.
Und während ich dort saß, kamen Ideen. Für ein Wander-Retreat, das ich nächstes Jahr in den Bergen anbieten möchte. Eine Form des Zusammenseins, bei der wir zunächst miteinander gehen und irgendwann weniger reden. Bei der es Einladungen gibt, aber keinen Druck. Momente, in denen jede Person ihrem eigenen Körper, ihrer eigenen Aufmerksamkeit und vielleicht einfach einer interessanten Pflanze folgen kann.
Den wichtigsten Teil brauche ich dort gar nicht machen. Den übernimmt der Berg.
Ich musste lachen, als ich später eine Karte aus meinem eigenen Kartendeck zog. Die Quelle. Meine Wasserflasche war gerade mit Quellwasser gefüllt. Manchmal ist das Leben nicht besonders subtil…
Seit einiger Zeit denke ich viel über Ernte nach. Vielleicht, weil der Sommer langsam endet. Vielleicht, weil gerade Dinge sichtbar werden, die vor Monaten oder Jahren begonnen haben.
Wir denken bei Ernte schnell an das Ergebnis unserer Arbeit. Ein Projekt wird fertig. Eine Idee funktioniert. Etwas kommt zurück.
Aber in den vergangenen Wochen habe ich gemerkt: Wir ernten nicht nur unsere Arbeit. Wir ernten auch Entscheidungen. Manchmal sogar Entscheidungen, die sich im Moment überhaupt nicht nach Wachstum angefühlt haben.
Ein Nein zum Beispiel.
Ich habe in den vergangenen Monaten zu einigen Veranstaltungen Nein gesagt, zu denen ich früher vielleicht trotzdem gegangen wäre. Manchmal, weil andere Menschen sie gerne machen. Manchmal, weil man das eben so macht. Ein Nein kann sich zunächst ziemlich unspektakulär anfühlen. Da wächst nichts sichtbar. Da ist erst einmal nur eine freie Stelle.
Und irgendwann stellt man fest: Auf dieser freien Stelle ist etwas entstanden. Zeit. Kraft. Ein anderer Weg. Oder die Möglichkeit für einen anderen Menschen, seinen eigenen Weg zu gehen.
Ich beobachte das gerade mit meinem Liebsten. Es gibt Dinge, die er liebt und die überhaupt nicht meine Welt sind. Früher musste darüber manchmal noch gesprochen und verhandelt werden. Irgendwann war mein Nein einfach ein Nein.
Und plötzlich ist es ganz leicht. Er macht sein Ding. Ich mache meines. Wir kommen später wieder auf der Couch zusammen und erzählen uns davon.
Mein Nein hat uns nicht voneinander entfernt. Es hat etwas sortiert.
Und manchmal ernten auch andere Menschen etwas aus unseren Grenzen.
Vielleicht kennst du das. Vielleicht hast du irgendwann aufgehört, eine Rolle zu übernehmen, die lange selbstverständlich war. Vielleicht bist du aus einer Freundschaft gegangen. Vielleicht arbeitest du weniger. Vielleicht hast du aufgehört, etwas am Leben zu halten, das nur weiterlebte, weil du permanent Energie hineingesteckt hast.
Am Anfang sieht das oft nicht nach Ernte aus. Eher nach Verlust. Nach einer leeren Stelle.
Aber vielleicht lohnt es sich, irgendwann noch einmal hinzusehen. Was ist auf dieser Stelle inzwischen gewachsen?
Ich ernte gerade auch Begegnungen, die nicht bleiben müssen.
Auf der Hütte wurde ich beim Abendessen mit einer Frau an einen Tisch gesetzt, die ich nicht kannte. Wir erzählten uns von unseren Leben. Von Bergen. Von Freundschaften, die irgendwann nicht mehr passen. Es war ein richtig schöner Abend. Am nächsten Morgen ging jede wieder ihrer Wege.
Früher hätte ich vielleicht stärker danach geschaut, was aus einer Begegnung werden könnte. Inzwischen kann ich denken: Das war genau richtig für einen Abend.
Nicht jede gute Begegnung braucht eine Zukunft. Nicht alles, was wir ernten, müssen wir einlagern. Manches essen wir direkt vom Baum.
Und dann gibt es noch eine andere Ernte, die mich gerade berührt. Menschen beginnen, Dinge an mir zu sehen, die ich selbst lange aufgebaut, erforscht und manchmal verteidigt habe.
Eine Freundin sagte mir, wie sehr meine Sensibilität und meine Aufmerksamkeit unserem gemeinsamen Projekt helfen. Meine Hüttenbekanntschaft, staunte darüber, dass ich mir einen Lebensrhythmus gebaut habe, in dem Arbeit genauso Platz hat wie Weite und Berge.
Und ich merke: Es fühlt sich gut an, gesehen zu werden. Nicht von allen. Nicht vollständig. Aber präzise genug, dass manchmal etwas von außen zurückkommt und ich denke: Ja. Das bin ich.
Vielleicht ist auch das eine Art der Ernte. Nicht endlich die Anerkennung zu bekommen, auf die wir gewartet haben. Sondern lange genug etwas zu leben, bis es Kontur bekommt.
Und auch aus den Dingen, die nicht funktioniert haben, können wir ernten. Aus den Wegen, die wir verlassen haben. Aus Pausen. Aus Umwegen. Aus vielen kleinen Jas. Und Neins.
Vielleicht gibt es in deinem Leben gerade etwas, das du noch gar nicht als Ernte erkannt hast. Eine Grenze, durch die du mehr Kraft hast. Eine Fähigkeit, die einmal aus einer schwierigen Zeit entstanden ist. Einen Ort, an den du immer wieder zurückkehrst. Oder etwas ganz Kleines. Einen Morgen, an dem du aufwachst und bemerkst: Genau so wollte ich einmal leben.
Nicht alles, was wir säen, wächst. Nicht alles, was wächst, bleibt. Und nicht jede Ernte sieht so aus, wie wir sie uns vorgestellt haben.
Und manches entdeckt man erst, wenn man eigentlich längst auf dem Weg zurück ins Tal wäre und einen das Leben noch einmal nach oben zieht.
Mit Liebe und vollen Körben,
Jeannette