Rauchzeichen

Vor siebzehn Jahren hörte ich brasilianische Musik.

Und irgendetwas in mir wusste: Da muss ich hin.

Nicht nach Südamerika. Nicht nach Brasilien. Sondern zu dem Gefühl, das diese Musik in mir auslöste.

Damals verstand ich das noch nicht. Heute schon.

Musik war nie nur Musik. Sie ist ein Signal. Ein Rauchzeichen.

Jahre später hörte ich ein Lied einer indigenen Gruppe. Wochenlang. Ich tanzte dazu. Immer wieder. Irgendetwas berührte mich so tief, dass ich die Musiker googelte.

So fand ich ein Ayahuasca-Zentrum. Und plötzlich öffnete sich eine Tür, von der ich noch nicht wusste, dass ich eines Tages hindurchgehen würde.

Wieder ein Rauchzeichen. Wieder ein Ruf.

*

In den letzten Wochen habe ich verstanden, dass mein Leben voller solcher Signale ist.

Brasilien war ein Signal. Die Berge. Ein Lied. Ein Traum. Ein Buch. Ein Kakao. Ein Dackel auf einer Wiese. Eine Trauerweide auf der Museumsinsel.

Immer wieder ruft etwas. Und immer wieder antworte ich.

Vielleicht heißt mein drittes Buch deshalb nicht mehr Mein Brasilien. Sondern Gerufen. Weil es nie um Brasilien ging. Es ging immer um den Ruf.

*

Vor kurzem sah ich auf YouTube ein Video: „Ich habe keine Freunde mehr und bin glücklicher als jemals zuvor."

Wie schön, wenn das für jemanden stimmt. Für mich stimmt es nicht.

Ich sehne mich nach Menschen. Nach Co-Kreation. Nach Umarmungen. Nach tiefen Gesprächen. Nach Albernheit. Nach Menschen, mit denen ich etwas Schönes auf die Beine stellen kann.

Früher hätte ich diese Sehnsucht vielleicht als Mangel betrachtet. Heute nicht mehr.

Sehnsüchte sind Wegweiser. Rauchzeichen. Sie zeigen nicht, was sofort da ist. Aber sie zeigen eine Richtung.

*

Vor ein paar Tagen träumte ich von kreativen Geschwistern. Sie hörten Musik. Ich hörte diese Musik auch. Und machte mich auf die Suche nach ihnen.

Als ich aufwachte, wurde mir klar: Auch im Traum begann alles mit Resonanz. Nicht mit einem Ort. Nicht mit einem Plan.

Mit einem Lied. Mit einem Gefühl von Zuhause.

*

Vielleicht ist das auch der Grund, warum meine Website wichtig ist. Warum die Love Letters wichtig sind. Warum der Spiegel wichtig ist. Warum ich meine Bücher veröffentlichen möchte.

Weil auch ich Rauchzeichen sende. Kleine Signale in die Welt.

Nicht jeder wird sie sehen. Nicht jeder muss darauf reagieren.

Aber manche werden es. So wie Hannah, die mitten in meiner tiefsten, dunkelsten Umbauphase den Stundenplan nach meinem Namen absuchte und sagte: „Zum Glück habe ich wieder eine Stunde von dir gefunden."

Sie hatte das Signal wiedererkannt. Und gab auch mir eins: mach weiter.

*

In den letzten Tagen habe ich noch etwas verstanden: Ich möchte nicht länger alles zurückhalten.

Nicht mein drittes Buch. Nicht meine Geschichten. Nicht meine Gedichte. Nicht The Circle of the Cosmos. Nicht meine Räume.

Lange dachte ich: Erst das Online-Programm. Und dann irgendwann meine Bücher und mein Kartenset.

Doch mittlerweile fühlt es sich anders an. Als wäre all das bereits Teil desselben Universums. Nicht verschiedene Projekte — verschiedene Ausdrucksformen derselben Essenz.

Das Buch erzählt vom Ruf. Die Meditation vom Lauschen. Die Karten von den Symbolen. Die Love Letters vom Weg. Die Räume von der Verkörperung.

Alles gehört zusammen.

*

Vor ein paar Tagen saß ich unter meiner Lieblingstrauerweide. Mit einem Kaffee in der Hand. Zwischen Touristen. Mitten in München.

Ich legte meine Hand auf den Stamm. Spürte die Verbindung. Und weinte.

Denn mir kam ein Satz in den Sinn: Jetzt bin ich endlich sicher mich zu zeigen.

Nicht 100% angekommen. Einfach sichtbar.

*

In den Bergen erzählte mir ein Freund, dass ihm langweilig sei. Dass er Abenteuer suche. Dass etwas fehle.

Auch das war ein Rauchzeichen. Ein Ruf — nicht nach einem zweiten Gipfel, sondern nach mehr Lebendigkeit.

Heute plant er bereits die nächste Tour. Mit Bargeld für die Hütte und mit Vorfreude.

Etwas hat sich geöffnet. Nicht weil ich ihn überzeugt habe, sondern weil der Weg seine Arbeit gemacht hat.

*

Vielleicht gilt das gerade für mein ganzes Leben.

Ich muss niemanden überzeugen. Nicht ziehen. Nicht erklären.

Ich sende Signale. Ich erzähle Geschichten. Ich teile meine Erfahrung. Ich halte Räume.

Und die Menschen, die bereit sind, finden ihren Weg.

So wie ich einst meinen Weg gefunden habe — über ein Lied. Über einen Ruf. Über ein Rauchzeichen.

Vielleicht beginnt genau dort jede Reise.

Alles Liebe,
Jeannette

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