Vorbereitung
Liebe Mitreisenden,
nach jahrelanger Suche habe ich endlich die richtige Kleidung gefunden.
Intuitiv habe ich etwas Flexiblem gesucht, ohne zu wissen, warum. Kleidung, die für die Berge taugt. Für Partys. Für spontane Yogastudiobesuche.
Ich glaube, ich habe immer versucht mich vorzubereiten. Nicht auf das Worst-Case-Szenario. Daran habe ich nie gedacht. Sondern auf das Best-Case-Szenario, auch wenn ich es nie so genannt hätte. Für diese Tage, die es nur im Sommer gibt.
Früher dachte ich, ich bräuchte dafür verschiedene Versionen von mir für verschiedene Welten. Mittlerweile besitze ich eine Kupferflasche, einen kleinen Rucksack, einen Rock, eine Sonnenbrille und ein paar Zöpfe. Und plötzlich kann ich damit überall hin. Auf den Berg. Zum See. In die Stadt. Auf ein Festival. In ein Studio. Zu einer Familienfeier. Auf eine Landebahn.
Meine Kleidung ist Reisekleidung geworden. Nicht für einen Ort. Für das Leben, das sich manchmal wie ein Festival anfühlt. Wenn man einfach spontan über Nacht bleibt. Und sich beim Frühstück plötzlich in einem Junggesellinnenabschied wiederfindet. Wenn man auf dem Heimweg den ganzen Tag am See verbringt. Wenn man zwischendurch anhält und vor Freude ein bisschen tanzt. Einfach so.
Den Grundstein dafür hat ein Festival in der Wüste gelegt. Mein Besuch beim Burning Man 2006 war mein erster verkörperter Traumraum.
Damals wusste ich das natürlich nicht. Ich wusste nur, dass ich dort etwas fand, das ich nirgendwo sonst fand. Kunst. Kostüme. Verrückte Ideen. Universen. Feuer. Alles floss ineinander. Man tanzte mitten im Sandsturm und war gleichzeitig Teil einer Kunstinstallation.
Es war wie ein begehbares Spiel. Ein Spielplatz für Groß und Klein. So wie sich ein guter Sommertag für mich anfühlt.
Heute würde ich sagen: Dort erlebte ich, wie sich Zukunft anfühlt, bevor sie Realität wird. Damals hatte ich noch keine Sprache dafür. Heute schon. Traumraum. Future Sensing.
Und plötzlich verstehe ich auch meine Reisen besser.
Die Lebensfreude zog mich zuerst nach Brasilien. Erst später begann ich tiefer zu tauchen — zu den Wurzeln, zu den Geschichten, zu den Ahnen. Zu Merkén.
Chile wurde zu Erinnerung. Brasilien wurde zu Zukunft. Merkén wurde zu Erde. Das Spaceship wurde zu Himmel.
Und mein Herz sitzt irgendwo dazwischen und versucht seit Jahren, beide an einen Tisch zu bekommen.
Das Lustige ist: Jetzt sitzen sie längst gemeinsam im Rucksack. Ich muss nirgendwo mehr hinfliegen. Merkén fährt Fahrrad. Das Spaceship trinkt Wasser aus einer Kupferflasche.
*
Neulich sah ich ein T-Shirt. Darauf stand: „Elevate yourself and others."
Ich musste lachen. Ganz schön viel Verantwortung. Was ist eigentlich mit: Ground yourself and others?
Denn wir feiern den Durchbruch. Den Gipfel. Die Operation. Aber die Versorgung danach wird oft vergessen. Die Suppe. Der Schlaf. Die Regenerationszeit.
*
Mein Liebster und ich sind gerade sommerlich unterwegs. Er geht meistens schneller ins kalte Wasser als ich. Ich brauche Zeit. Ich mache Geräusche. Ich brauche Raum.
Wenn mich jemand drängt, dauert es ewig. Wenn niemand schaut, geht es erstaunlich schnell. Und danach liebe ich das kühle Nass. Jedes Mal!
Entwicklung funktioniert bei mir ähnlich. Nicht langsam, weil ich nicht will. Sondern langsam, weil ich Kontakt aufnehme. Und weil ich gelernt habe: Es hilft, wenn die Sonne scheint. Und wenn jemand das Handtuch für danach bereitlegt.
Vielleicht ist das auch der Unterschied zwischen Veränderung und Versorgung. Veränderung bringt uns ins Wasser. Versorgung sorgt dafür, dass wir wieder herauskommen.
Die großen Dinge entstehen selten in den spektakulären Momenten. Sie entstehen dazwischen. Während man lebt. Während man in den Himmel schaut. Während man Kaffee trinkt und sich erinnert.
Mit Liebe und erwachenden Erinnerungen,
Jeannette