Vögel
Liebe Mitreisende,
heute saß ein Vogel auf unserem Balkon. Nicht so ein niedlicher Morgenvogel, der fröhlich vor sich hin zwitschert. Sondern einer, der wirkte, als hätte er schlechte Laune und wollte, dass man es weiß. Er saß einfach da. Starrte mich an. Bewegte sich nicht.
Früher hätte ich vermutlich versucht herauszufinden, was das zu bedeuten hat. Diesmal dachte ich nur: Interessant.
Dann stellte ich den Sonnenschirm auf, machte mir Kaffee und aß Käse. Als ich wieder nachschaute, war der Vogel verschwunden. Er hatte ein Häufchen Scheiße hinterlassen.
Manche Dinge lösen sich einfach von selbst.
*
Gestern fuhr ich über die Landebahn in Neubiberg. Und schrie vor Freude. Wirklich!
Weil neben mir Schmetterlinge flogen. Weil Krähen durch die Luft segelten. Weil Kinder und Jugendliche über das ehemalige Rollfeld rasten.
Ich glaube, genau deshalb liebe ich die Landebahn. Sie erinnert mich daran, dass Dinge nicht immer das bleiben müssen, wofür sie ursprünglich gedacht waren.
Am selben Tag landete auch etwas anderes. Merkéns Outfit. Oder zumindest die Idee davon.
Etwas Eigenes und gleichzeitig Universelles. Eine Weste. Ein Hut. Leder. Federn. Ein bisschen Chile. Ein bisschen Lagerfeuer.
Später am Abend saß ich mit meinem Liebsten bei brasilianischer Musik. Oder besser gesagt: Er hörte Musik. Ich tanzte und entwickelte nebenbei ein Headpiece.
Das passiert mir häufiger. Während andere dem Konzert zuhören, entwirft mein Gehirn plötzlich eine Krone.
Lange dachte ich, mein Spaceship bräuchte Planetenbahnen. Jetzt weiß ich: Es braucht eine geöffnete Krone. Wie eine Ananas. Wie eine Venusblume. Wie Karneval in Rio. Ein Fenster zum Himmel. Offen. Empfangend. Fröhlich.
In meinen Stunden sage ich oft: Lass Wurzeln aus deinen Füßen wachsen. Öffne deine Kopfkrone wie ein Fenster zum Himmel.
Vielleicht war das Headpiece die ganze Zeit schon da. Ich hatte es nur noch nicht gesehen.
*
Was mich in diesen Tagen besonders berührt, ist etwas anderes: Es ist Sommer geworden. Nicht nur draußen. In mir.
Plötzlich bin ich unterwegs. Fast jeden Tag. See. Grillabend. Picknick. Baile Funk. Passinho Workshop. Sound Bath. Menschen. Musik. Wasser. Lachen.
Nichts davon habe ich geplant. Es hat sich einfach ergeben. So als hätte das Leben irgendwann beschlossen: Jetzt reicht es mit dem Bauen. Jetzt wird gelebt.
Ich merke es daran, dass ich wieder singe. Auf dem Fahrrad. Ganz automatisch. Oder Vogelgeräusche mache. Mein Liebster wundert sich längst über nichts mehr.
Ich glaube, das ist wahre Liebe.
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieses beginnenden Sommers: Dass nicht alles erklärt werden muss. Nicht jede Begegnung. Nicht jeder Vogel. Nicht jede Wendung.
Manchmal reicht es vollkommen aus, den Sonnenschirm aufzustellen. Käse zu essen. Kaffee zu trinken. Auf dem Fahrrad zu singen. Und den Sommer hereinzulassen.
Mit Liebe und dem ersten echten Sommermorgen,
Jeannette