Der Mensch und die Maschine

Liebe Crew,

in letzter Zeit höre ich immer wieder einen Satz. In Podcasts. In der Werbung. Und in Gesprächen über künstliche Intelligenz:

“KI ersetzt keine Menschen.”

Und jedes Mal denke ich: Ja. Und?

Denn niemand muss eine Maschine mit einem Menschen verwechseln, um anzuerkennen, dass Maschinen längst Dinge tun, für die wir früher Menschen gebraucht haben.

Ich benutze eine Waschmaschine und vermisse nicht die menschliche Verbindung zu der Person, die meine Unterwäsche von Hand hätte waschen können. Ich benutze Google Maps und wünsche mir nicht bei jeder Kreuzung einen Menschen, der mir den Weg erklärt.

Und inzwischen benutze ich KI für Dinge, für die ich früher vielleicht eine Assistenz, Recherche oder Teile einer Agentur gebraucht hätte. Das ist keine Zukunftsvision. Das passiert längst.

Während ich diesen Text schreibe, sitze ich im Zug in die Berge.

Vorhin saß neben mir eine junge Frau in schwarzem Blazer, vertieft in ihr Handy. Sie arbeitete mit verschiedenen KIs. Auf meinem eigenen Bildschirm sah es nicht wesentlich anders aus. Ich recherchierte wissenschaftliche Grundlagen und sortierte Gedanken.

Äußerlich sahen wir ziemlich unterschiedlich aus. Sie im schwarzen Blazer. Ich in Wanderklamotten. Aber irgendwie war der Vibe derselbe: zwei Menschen unterwegs, die mithilfe von Maschinen denken, recherchieren und arbeiten.

Später musste ich in Kufstein umsteigen. Keine Kartenzahlung am Bahnhof, also lief ich in die Stadt. Im Supermarkt sah ich einen vielleicht dreizehnjährigen Jungen, der heißes Wasser in einen Becher Instantnudeln füllte. Er hatte sogar Stäbchen.

Ich fragte ihn, wo er die herhatte. Fünf Minuten später saß ich mit meiner eigenen Nudelsuppe, Stäbchen und österreichischen Keksen in der Sonne.

KI konnte mir an diesem Tag beim Sortieren helfen. Und ein dreizehnjähriger Junge brachte mir bei, wie man im Supermarkt unkompliziert zu einer warmen Nudelsuppe kommt.

Beides war nützlich. Keines davon braucht das andere zu ersetzen.

Vielleicht irritiert mich deshalb die zunehmende Gegenüberstellung von Mensch und Maschine. Als müssten wir uns entscheiden. Für das Echte. Gegen das Künstliche. Für Menschen. Gegen KI.

Aber so funktioniert unser Leben längst nicht mehr.

Manchmal brauchen wir jemanden, der Informationen sortiert. Manchmal jemanden, der uns widerspricht. Manchmal eine geliebte Person. Manchmal eine KI. Und manchmal einen dreizehnjährigen Jungen mit Instantnudeln.

Nicht alles davon erfüllt dieselbe Funktion.

Wenn also die Frage auftaucht: Kann KI einen Menschen ersetzen? Dann lautet meine Antwort: Natürlich nicht!

Aber eine Tätigkeit, die früher ein Mensch ausgeführt hat? Natürlich kann Technologie das. Das tut sie seit Jahrhunderten.

Die interessanteren Fragen sind für mich:

Welche Tätigkeiten?
Und unter welchen Bedingungen?
Wo entsteht dadurch Freiheit?
Wo Zugang?
Und wo verlieren Menschen dadurch Arbeit, Einkommen oder Einfluss?
Welche Fähigkeiten möchten wir selbst behalten?
Wem gehören die Systeme?
Wer profitiert?
Welche Menschen und Orte tragen die Kosten unseres technologischen Komforts?

Das sind schwierigeren Fragen. Dafür reicht es nicht, den Menschen auf die gute und die Maschine auf die böse Seite zu stellen. Wir müssen gestalten.

Ich möchte KI weder romantisieren noch verteufeln. Ich möchte lernen, in einer Welt zu leben, in der sie existiert: mit Neugier, mit Kritik und mit Verantwortung.

Vielleicht können wir stattdessen genauer unterscheiden: Brauche ich gerade eine Funktion? Oder brauche ich einen Menschen?

Wenn ich Informationen sortieren möchte, ist es mir manchmal ziemlich egal, ob dafür jemand neben mir sitzt. Wenn ich aber mit einer Freundin am Küchentisch lachen möchte, möchte ich genau diesen Menschen. Nicht weil sie eine Aufgabe effizient erfüllt, sondern weil sie ihre eigene Welt mitbringt. Und weil ich mit ihr lachen kann, dass sich die Balken biegen.

Ich glaube eine gute Antwort beginnt weder mit Angst noch mit Begeisterung, sondern mit etwas viel Unspektakulärerem:

Ausprobieren und schauen, wie es sich anfühlt (ich nenne das Trial & Sensing). Fragen. Grenzen setzen. Verantwortung übernehmen. Und weiter miteinander reden.

Menschen mit Menschen. Menschen mit Maschinen. Und manchmal mit einem dreizehnjährigen Jungen im Supermarkt, der einfach weiß, wo die Stäbchen stehen.

Mit Liebe und warmen Instantnudeln,
Jeannette

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