Das Ende des Sommers
Liebe Crew,
heute saß ich in der Sonne am Gärtnerplatz und habe geweint.
Vor mir die Blumen in voller Pracht. Blauer Himmel. Wärme auf meiner Haut. Eigentlich ein perfekter Sommertag.
Und trotzdem dachte ich: Dieser Sommer hat sich für mich kaum nach Sommer angefühlt.
Anfang des Jahres hatte ich eine Vision davon, wie er werden würde. Leicht. Fröhlich. Festivals. Tanzen. Draußen sein. Lange Abende. Wenig müssen. Viel leben.
Und dann wurde es heiß. Sehr heiß sogar. Nur mein innerer Sommer kam irgendwie nicht hinterher.
Ich brauchte immer wieder Ruhe und Rückzug. Dinge kamen in Bewegung, für die ich noch keine Sprache hatte. Und während draußen Hochsommer war, beschäftigte ich mich mit Herkunft, Ahnen, Tod, alten Geschichten und Orten, die lange vor mir existiert hatten. Nicht unbedingt das, was ich mir unter einem leichten Sommer vorgestellt hatte.
Heute habe ich gemerkt, dass ich darüber traurig bin.
Manchmal reicht es anzuerkennen: Ich hatte mich auf etwas gefreut. Und dann kam es anders und das ist enttäuschend. Auch wenn das, was stattdessen gekommen ist, richtig schön war. Denn das war es.
Während ich dort saß, fiel mir auf, wie viele Dinge in diesem Sommer passiert sind, die ich niemals hätte planen können.
Aus einer Idee wurde plötzlich ein Musikvideo. Ich landete in Bern. Dann in Helsinki. In Tallinn. In einem kleinen Ort in Estland, aus dem ein Teil meiner Familie stammt. Menschen tauchten auf. Geschichten öffneten sich. Ideen entstanden. Nichts davon stand Anfang des Jahres in meinem Kalender.
Vielleicht war die eigentliche Bewegung dieses Sommers die Form zu lösen und mich vom Leben überraschen zu lassen.
Ich hatte Leichtigkeit mit einer bestimmten Form verwechselt. Mit langen Sommerabenden und diesem Gefühl, dass gerade nichts besonders Schweres von mir verlangt wird.
Aber vielleicht kann Leichtigkeit noch etwas anderes sein. Vielleicht bedeutet sie auch, dass das Leben nicht genau meiner Vorstellung folgen muss, damit etwas Gutes daraus entstehen kann. Dass ich einen Plan haben und ihn wieder loslassen kann. Dass aus einer Idee etwas vollkommen anderes wachsen kann.
Das bedeutet nicht, dass ich mir meinen erträumten Sommer jetzt schönreden möchte. Ich hätte ihn trotzdem gern gehabt. Den leichten. Den, der sich auch innen nach Sonne angefühlt hätte. Gleichzeitig kann ich lieben kann, was stattdessen entstanden ist.
In den vergangenen Tagen habe ich angefangen, meine Herbstkleidung aus dem Keller zu holen. Und nach einem ganzen Sommer in meinen weichen Birkenstocks möchte ich plötzlich wieder meine Cowboyboots tragen. Man läuft anders darin. Fester.
Vielleicht beginnt eine neue Jahreszeit für mich mit diesem Gefühl: Ich möchte wieder andere Schuhe tragen.
Meine inneren Jahreszeiten entsprechen anscheinend nicht immer denen vor meinem Fenster. Während draußen Sommer war, war in mir manchmal längst November. Und vielleicht wird in mir noch irgendwo Sommer sein, wenn draußen schon die Blätter fallen.
Und genau deshalb konnte ich heute Abschied nehmen. Von diesem heißen Sommer, der sich so wenig nach Sommer angefühlt hat. Und von allem, was nicht passiert ist.
Ich saß in der Sonne. Schaute die Blumen an und weinte. Und irgendwann war es gut.
Jetzt kann der Herbst kommen. Ich spüre ihn schon leise.
Die Erntezeit.
Es gibt bereits wunderschöne feste Termine.
Und es ist eine Rückkehr zu mehr Struktur, in der trotzdem genügend Raum für Überraschungen bleibt. Denn wenn ich eines aus diesem Sommer mitnehme, dann dass das Schönste im Leben oft dort beginnt, wo die geplante Form endet.
Mit Liebe und sandfarbenen Cowboyboots,
Jeannette