Wenn jemand fragt

Liebe Mitreisenden,

früher dachte ich, Nähe bedeutet, möglichst viel gemeinsam zu machen. Gemeinsam verreisen. Gemeinsam Pläne schmieden. Gemeinsam Zeit verbringen.

Ich glaube das heute nicht mehr.

Mein Liebster war ein paar Tage mit seinen Freunden in Südtirol. Mountainbiken. Als er zurückkam, erzählte er begeistert von den Touren. Von den Bergen. Von den sechs Männern.

Und von einem Satz, der mich lächeln ließ: „Jeder hat seine Eigenheiten. Besonders einer. Dann wartet man eben mal zwanzig Minuten."

Ich mochte diesen Satz. Weil darin so viel Gelassenheit steckt. Nicht jeder muss gleich schnell sein. Man wartet eben.

Er fragte mich dann: „Und? Wie ist es dir ergangen?"

Ich sagte: „Ich habe geweint."

Er schaute mich an. „Jedes Mal, wenn ich weg bin, weinst du. Dann kann ich ja gar nicht mehr wegfahren."

Ich musste lachen. „Doch", sagte ich. „Es hat sich nur etwas sortiert."

Und genau das war es. Ich habe getrauert. Geschlafen. Getanzt. Geschrieben. Mich gehalten. Nicht, weil etwas zwischen uns nicht stimmt. Sondern weil in mir etwas in Bewegung gekommen ist.

Früher hätte ich mir gewünscht, dass er mehr verreist. Dass er auch eigene Dinge macht. Eigene Abenteuer erlebt. Jetzt tut er genau das.

Er blüht auf. Und ich glaube, unsere Beziehung auch.

Das Schönste passierte aber erst danach. Er wollte wissen, wie es mir wirklich ergangen ist. Nicht höflich. Nicht nebenbei. Sondern ehrlich interessiert.

Und ich merkte: Liebe spricht nicht immer dieselbe Sprache.

Meine Sprache ist oft eine Tasse Tee. Ein Duft. Ein selbstgekochtes Essen. Ein Love Letter.

Seine Sprache ist oft ein neuer Kühlschrank. Das Waschmittel, das ich mag. Eine Mountainbike-Tour, nach der er glücklich nach Hause kommt. Oder die Frage: „Wie ist es dir wirklich ergangen?"

Früher dachte ich manchmal, Liebe müsste gleich aussehen. Heute glaube ich, dass sie unterschiedliche Dialekte spricht.

Manche Menschen schreiben Gedichte. Andere bauen Regale auf. Manche schenken Blumen. Andere recherchieren den passenden Kühlschrank.

Und manchmal steckt in einem ganz praktischen Satz genauso viel Zärtlichkeit wie in den schönsten Worten.

Vielleicht ist das eine Form von Zugehörigkeit, über die viel zu selten gesprochen wird. Nicht ständig zusammen zu sein. Nicht alles gemeinsam zu erleben. Sondern Anteil am Leben des anderen zu nehmen. Die Sprache des anderen immer besser zu verstehen.

Und irgendwann zu merken: Ich hätte sie früher vielleicht überhört. Heute erkenne ich sie.

Mit Liebe und offenen Türen,
Jeannette

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Ich halte mich