Ich halte mich
Liebe Mitreisenden,
es gibt Tage, an denen nichts Spektakuläres passiert. Man steht auf. Der Körper ist müde. Etwas in einem trauert. Die Welt ist nicht heller oder dunkler als gestern.
Und trotzdem ist alles anders.
Früher dachte ich, Stärke würde bedeuten, keine Traurigkeit zu spüren. Oder sie möglichst schnell loszuwerden.
Ich hatte Strategien. Den Kalender füllen. Unter Menschen gehen. Zu lange wach bleiben. Irgendetwas musste die Stille überdecken.
Heute sieht ein trauriger Tag anders aus.
Ich ruhe. Ich esse. Ich tanze. Ich nähe. Ich schreibe. Ich bastle eine Perlenkette. Ich sitze in der Sonne.
Nicht, weil ich die Traurigkeit loswerden möchte. Sondern weil ich mit ihr leben kann.
Sie sitzt nicht mehr am Steuer. Sie reist einfach mit.
Früher musste ich mich aus meiner Traurigkeit retten. Heute begleite ich sie.
Ich habe irgendwann verstanden, dass Selbstliebe nicht bedeutet, sich immer gut zu fühlen. Manchmal bedeutet sie einfach: den eigenen Körper nicht allein zu lassen. Nicht gegen ihn zu kämpfen. Nicht ihn zu überreden. Sondern bei ihm zu bleiben.
Vielleicht ist das Erwachsenwerden. Nicht, dass wir keine schweren Gefühle mehr haben. Sondern dass wir lernen, ihnen Gesellschaft zu leisten.
Es gibt einen Satz, der heute in mir aufgetaucht ist. Ganz leise. Ganz schlicht.
Ich halte mich.
Früher hätte ich diesen Satz wahrscheinlich gar nicht verstanden. Heute weiß ich genau, was er bedeutet.
Nicht, dass die Traurigkeit verschwunden ist. Sondern dass ich nicht mehr verschwinde, wenn sie auftaucht.
Mit Liebe und einer Hand auf dem Herzen,
Jeannette