Zweite Blüte

In den letzten Tagen habe ich etwas bemerkt.

Nicht plötzlich. Nicht wie einen Geistesblitz. Eher wie eine Blüte, die sich langsam öffnet — und dann irgendwann feststellt: Oh. Ich bin ja schon da.

Vor ein paar Tagen habe ich die Analytics meiner Website, meiner Love Letters, meines Spiegels und meines Instagram-Accounts angeschaut.

Es war schön. Nicht wegen der Zahlen. Sondern weil ich sehen konnte, dass etwas zusammengewachsen ist.

Menschen verlassen mein Feld. Andere betreten es. Manche alten Verbindungen lösen sich. Neue entstehen.

Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Mein Universum ist nicht mehr nur in meinem Kopf. Es ist betretbar geworden.

Menschen können hindurchwandern. Den Spiegel besuchen. Love Letters lesen. Eine Meditation hören. Ein Buch entdecken. Einen Raum betreten.

Das ist riesig.

Und gleichzeitig passiert etwas noch Größeres: Ich passe mich immer weniger an.

Neulich schrieb mir eine Freundin. Ich freute mich über ihre Nachricht. Und gleichzeitig wusste ich nicht sofort, was ich antworten sollte.

Dann wurde es ganz einfach. Ich schrieb die Wahrheit. Dass es emotional gerade auf und ab geht. Dass ich Ruhe brauchte. Dass ich meine Dinge mache.

Keine Erklärung. Keine Rechtfertigung. Keine Verkleinerung. Einfach die Wahrheit.

Und die Verbindung blieb bestehen.

Vielleicht ist das die eigentliche zweite Blüte. Nicht sichtbarer zu werden. Sondern sichtbar zu bleiben — ohne mich kleiner zu machen.

*

Im Mai habe ich Grow With Your Flow eröffnet. Und dann etwas Merkwürdiges gemacht: Ich habe die Räume fast ausschließlich selbst besucht.

Ich habe meditiert. Geatmet. Gefühlt. Aufgenommen. Analysiert. Verbessert. Verdichtet. Wiederholt.

Einfach um zu erfahren, wie sich diese Räume wirklich anfühlen.

Ich war Teilnehmerin. Raumhalterin. Forscherin. Entwicklerin. Alles gleichzeitig.

Und währenddessen kam eine Vision zu mir. Ein Spaceship. Ein Kleid. Vielleicht ein Festival. Vielleicht eine Bühne. Vielleicht die nächste Form von etwas, das schon lange in mir lebt.

Ich empfing. Und ich begann zu verkörpern.

*

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob ich bei einem großen Treffen helfen könnte. Als Assistentin für ein Wochenende.

Ich sagte ab. Nicht, weil etwas daran falsch gewesen wäre, sondern weil mein Körper Nein sagte.

Jetzt sah ich das Programm: Residenz. Klassisches Konzert. Museen. Empfänge. Diskussionsrunden.

Und plötzlich verstand ich warum ich mich früher so oft fehl am Platz bei solchen Veranstaltungen gefühlt hatte.

Ich habe lange gedacht, ich müsste lernen, solche Dinge zu mögen. Vielleicht springt der Funke irgendwann über.

Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.

Ich bin fast 44. Und ich glaube mittlerweile: Nein. Der Funke springt nicht über. Und das ist okay.

Denn ich liebe Kunst. Ich liebe Musik. Ich liebe Kultur. Aber ich liebe die Kunst, die lebt. Die mir auf der Straße begegnet. In der Natur. Auf Festivals. In Geschichten. In Menschen.

Ich möchte nicht nur zuschauen. Ich möchte tanzen. Lachen. Malen. Singen. Mich bewegen. In Beziehung treten.

*

Gestern ging ich auf eine Wiese. Machte Musik an. Und tanzte.

Wild. Frei. Ein bisschen mit meinen Ahnen. Ein bisschen mit mir selbst.

Irgendwann kam ein kleiner Dackel angerannt. Er sprang einfach freudig an mir hoch. Sein Besitzer sammelte ihn wieder ein.

Ich grinste. Und tanzte weiter.

Manchmal glaube ich, Freiheit fühlt sich genau so an. Nicht spektakulär. Einfach wie ein Moment, in dem niemand überzeugt werden muss.

Man einfach da ist. Lebendig. Bewegt und frei.

*

Vielleicht ist das auch die Geschichte meines dritten Buches.

Lange dachte ich, es sei ein Buch über Brasilien. Jetzt weiß ich: Es ist ein Buch über einen Ruf.

Brasilien war der Ort. Der Ruf war die Geschichte.

Der Titel lautet mittlerweile: Gerufen.

Und plötzlich geht es nicht mehr um ein Land. Sondern um den Mut, dem zu folgen, was in uns lebendig werden möchte.

Vielleicht gilt das nicht nur für Bücher. Vielleicht gilt das für das ganze Leben. Für Beziehungen. Für Arbeit. Für Kunst. Für die Frage: Wohin zieht es mich wirklich? Und habe ich den Mut, darauf zu antworten?

Ich glaube, ich bin gerade dabei. Schritt für Schritt. Blüte für Blüte.

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Die richtige Mischung