Das Dazwischen
In den letzten Tagen bin ich über verschiedene Accounts, Konzepte und Ideen gestolpert.
Menschen, die von Lust sprechen.
Von Weiblichkeit.
Von Fülle.
Von Erfolg.
Von Magnetismus.
Und während ich zugehört habe, habe ich mich gefragt:
Warum irritiert mich das manchmal?
Nicht, weil ich etwas dagegen hätte.
Im Gegenteil.
Es sind Themen und Räume, in denen ich mich selbst bewegt habe. Und aus denen ich vieles für meinen Weg mitgenommen habe.
Ich liebe Lebendigkeit.
Ich liebe Schönheit.
Ich liebe Sinnlichkeit.
Ich liebe Menschen, die für etwas brennen.
Und trotzdem blieb da ein kleines Ziehen.
Bis ich verstanden habe:
Vielleicht irritiert mich nicht das Thema. Vielleicht irritiert mich die Verengung.
Wenn plötzlich alles auf dieselbe Geschichte hinausläuft.
Wenn Kreativität am Ende Geld erzeugen soll.
Wenn Spiritualität am Ende Erfolg erzeugen soll.
Wenn Weiblichkeit am Ende Magnetismus erzeugen soll.
Wenn sogar die Lust ein Mittel zu etwas anderem wird.
Als müsste alles einen Zweck erfüllen.
Dabei sind einige der schönsten Dinge in meinem Leben genau deshalb schön, weil sie keinen Zweck hatten.
Ein Gespräch.
Ein Lachen.
Ein Berg.
Eine Umarmung.
Eine Idee.
Ein Sommertag.
Ein Satz in einem Buch.
Ein Mensch, der kurz mein Leben berührt hat und dann wieder weitergezogen ist.
Nichts davon musste etwas produzieren.
Nichts davon musste mich erfolgreicher machen.
Es durfte einfach existieren.
Vielleicht wird man mit den Jahren empfindlicher für Geschichten, die zu glatt werden.
Für Weltbilder, die alles erklären.
Für Konzepte, die auf jede Frage dieselbe Antwort haben.
Früher dachte ich, Klarheit bedeutet, die richtige Antwort zu finden.
Heute glaube ich: Reife bedeutet oft, mehr Fragen gleichzeitig halten zu können.
Mehr Widersprüche.
Mehr Menschlichkeit.
Mehr Nichtwissen.
Vielleicht deshalb schrecken mich Uniformen inzwischen immer mehr ab.
Nicht nur die aus Stoff.
Auch die unsichtbaren.
Die Uniformen der Szenen.
Die Uniformen der Sprache.
Die Uniformen der Identität.
Die Vorstellung, man müsse sich für eine Seite entscheiden.
Für eine Rolle. Für eine Geschichte.
Dabei liebe ich gerade das Dazwischen.
Die Berge und die Stadt.
Tiefe Gespräche und albernen Humor.
Meditation und Festivals.
Stille und Ausdruck.
Struktur und Freiheit.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, die Schubladen zu verlassen, in die wir uns selbst gesteckt haben.
Und vielleicht ist genau das Freiheit.
Nicht die Freiheit, alles zu haben. Sondern die Freiheit, nicht alles sein zu müssen.
Nicht die spirituelle Frau.
Nicht die erfolgreiche Unternehmerin.
Nicht die Suchende.
Nicht die Weise.
Nicht die Kreative.
Nicht die Vernünftige.
Sondern einfach ein Mensch.
Unterwegs.
Neugierig.
Unfertig.
Lebendig.
Und je älter ich werde, desto mehr glaube ich: Das Leben ist kein Konzept.
Kein Dogma.
Keine Methode.
Keine Identität.
Es ist eher ein Roadmovie.
Mit Umwegen.
Mit überraschenden Begegnungen.
Mit Momenten, die keinen Sinn ergeben.
Und genau deshalb unvergesslich sind.
In Liebe,
Jeannette