Das Netz
Liebe Crew,
früher dachte ich, mit mir stimmt etwas nicht.
Ich schämte mich. Nicht für etwas, das ich getan hatte. Ich schämte mich, ich zu sein. Dafür, dass es mir nicht gut ging.
Und weil ich dachte, ich sei selbst daran schuld, machte ich mich auf die Suche. Nach Methoden. Nach Büchern. Nach Antworten. Ich wollte endlich lernen, wie man richtig lebt.
Manches half. Manches nicht. Manches wirkte für eine Weile. Manches hinterließ neue Fragen.
Also suchte ich weiter. Nicht, weil ich immer mehr wissen wollte, sondern weil ich leben wollte.
Irgendwann passierte etwas. Ich begann, mich Menschen zu zeigen. Mit meiner Scham. Mit meinen Zweifeln. Mit meinen vermeintlichen Makeln.
Und jedes Mal geschah etwas Überraschendes. Die Last wurde leichter. Nicht, weil plötzlich alle Probleme verschwunden waren. Sondern weil ich sie nicht mehr allein tragen musste.
Vielleicht ist das eines der größten Geschenke, das wir einander machen können. Die Erfahrung: Du musst damit nicht allein sein.
Heute begegnen mir manchmal Menschen, bei denen ich spüre, dass sie etwas verstecken. Eine Sucht. Traurigkeit. Einsamkeit. Scham.
Ich kenne ihre Geschichte nicht. Aber manchmal wünsche ich mir, ich könnte ihnen einfach sagen: „Du musst dich vor mir nicht verstecken." Weil ich weiß, wie anstrengend das Verstecken ist.
Lange dachte ich, ich würde nach Heilung suchen. Heute glaube ich etwas anderes.
Ich habe über viele Jahre ein Netz geknüpft. Aus Erfahrungen. Aus Begegnungen. Aus Irrtümern. Aus Büchern. Aus Bergen. Aus Musik. Aus Tanz. Aus Stille. Aus Tränen. Aus Liebe.
Immer wenn ich merkte, dass irgendwo noch eine Lücke war, suchte ich weiter. Nach dem nächsten Faden.
Heute trägt dieses Netz zuerst mich. Wenn ich falle. Wenn ich traurig bin. Wenn ich mich verliere.
Es fängt mich immer wieder auf. Nicht, weil ich nie wieder falle. Sondern weil ich nicht mehr ins Bodenlose falle.
Vielleicht ist genau daraus mein ganzes Werk entstanden. Aus der Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn jemand neben einem sitzt und die Last für einen Moment mitträgt.
Die Love Letters. Meine Räume. Sie sind keine Sammlung von Methoden. Sie sind Fäden.
Nicht jede Person braucht jeden davon. Aber vielleicht reicht manchmal schon einer. Ein einziger Faden, an dem man sich festhalten kann. Bis die eigenen Hände wieder Kraft haben.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich Menschen suche, die bereit sind, ehrlich zu sein. Die sagen können: „Heute geht es mir nicht gut."
„Ich weiß gerade nicht weiter."
Denn genau dort beginnt für mich Verbindung. Nicht dort, wo wir alles im Griff haben. Sondern dort, wo wir aufhören, unsere Menschlichkeit voreinander zu verstecken.
Manchmal verändert sich das Leben nicht dadurch, dass plötzlich alles leicht wird. Sondern dadurch, dass wir es nicht mehr allein tragen.
Mit Liebe und einem Faden,
Jeannette