Die Göttin

Liebe Crew,

eine Zeit lang verbrachte ich viel Zeit in Frauenkreisen. Es war schön. Wir waren zusammen und zündeten Kerzen an. Sangen, tanzten, weinten und lachten.

Und irgendwann sollten wir alle Göttinnen werden.

Es gab Göttinnenkarten. Wunderschöne Kleider. Bestimmte Farben. Bestimmte Stoffe. Und irgendwann auch sehr schöne Fotos für Instagram.

Ich erinnere mich noch daran, öfter diesen Satz zu hören: „Erwecke deine innere Göttin."

Ich wollte ihn gerne fühlen. Aber ehrlich gesagt konnte ich das nie. Irgendetwas daran fühlte sich für mich fremd an. Einfach nicht ganz meins.

Dann wurde ich nach Brasilien gerufen. Mitten in der Nacht. Inmitten einer dicken Erkältung. Mit Periodenschmerzen. Und einer Sehnsucht, die größer war als mein Verstand.

Dort passierte etwas, womit ich nie gerechnet hätte. Weder im Tempel, noch in einer Zeremonie. Sondern in einer schlaflosen Nacht im Urlaub.

Die Yorubagöttin Oshun, von der ich noch nie gehört hatte, besuchte mich. Ich musste sie erst googeln nachdem sie ihren Namen geflüstert hatte.

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich Oshun sei. Es war eher so als ob sie mich ein Stück begleitet. Und als ihre Aufgabe erledigt war, hat sie sich wieder verabschiedet.

Heute muss ich manchmal schmunzeln. Denn ich glaube nicht mehr, dass wir Göttinnen werden sollen. Ich glaube, wir dürfen Beziehungen eingehen. Mit der Natur. Mit Symbolen. Mit Archetypen und mit Kräften, die größer sind als wir.

Und manchmal schaue ich Frauen wie Janelle Monaé, Rihanna oder Beyoncé an und denke: Was für Göttinnen!

Weil sie schöpferisch sind. Sie erschaffen Musik. Unternehmen. Mode. Neue Möglichkeiten. Sie bauen Welten. Und gleichzeitig sind manche von ihnen Mütter. Sie zeigen, dass Schöpfung viele Formen haben kann.

Vielleicht habe ich das Wort einfach neu verstanden.

Eine Göttin ist für mich heute keine Frau mit einem bestimmten Kleid oder in einer bestimmten Szene. Eine Göttin ist eine Frau, die ihre Schöpfungskraft lebt. Die ihrer inneren Stimme vertraut und mutig ihren Weg geht. Die sich nicht ständig kleiner macht. Die bereit ist, ihre eigene Welt zu erschaffen. Und das gilt nicht nur für Frauen.

Das Schönste daran: Ich muss dafür niemand werden. Keine Rolle spielen. Keine Sprache übernehmen.

Manchmal begleitet mich Merkén. Manchmal das Spaceship. Manchmal niemand.

Und manchmal reicht schon der Wind auf einem Berg.

Vielleicht geht es gar nicht darum, unsere innere Göttin zu erwecken. Möglicherweise war sie nie eingeschlafen und hat nur darauf gewartet, dass wir aufhören, jemand anderes werden zu wollen. Und anfangen, der eigenen Lebendigkeit zu folgen.

Mit Liebe und Wind in den Haaren,
Jeannette

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