Früher konntest du das doch auch
Liebe Crew,
es gibt einen Satz, den ich in den letzten Jahren immer wieder gehört habe.
„Früher konntest du das doch auch."
Früher bist du doch mit auf das Oktoberfest gegangen. Früher hast du doch bis tief in die Nacht gefeiert. Früher warst du doch anders.
Ja. Das stimmt. Und gleichzeitig stimmt es nicht.
Ich glaube heute nicht mehr, dass ich früher weniger sensibel war. Ich glaube, ich war schon immer sensibel. Ich war nur unglaublich gut darin, meine Signale zu überhören.
Ich war müde und blieb trotzdem. Ich war überfordert und lächelte trotzdem. Ich war traurig und funktionierte trotzdem.
Und manchmal half ein Glas Wein. Oder zwei. Oder einfach die Tatsache, dass alle anderen auch noch weitermachten.
Heute ist das anders.
Ich werde gegen zehn Uhr müde. Nicht manchmal. Fast immer. Ich vertrage kaum noch Alkohol. Große Menschenmengen erschöpfen mich. Und Gewalt in Filmen kann ich nicht mehr anschauen.
Nicht, weil sie schlechter geworden sind. Sondern weil ich mich verändert habe.
Oder vielleicht genauer: weil ich aufgehört habe, mich ständig zu betäuben.
Früher dachte ich, Sensibilität sei etwas, das man überwinden müsse. Heute glaube ich: Sensibilität ist keine Schwäche. Sie ist eine Wahrnehmungsfähigkeit.
Und Wahrnehmung ist keine Einbahnstraße.
Wenn ich heute den Wind intensiver spüre, spüre ich auch den Lärm intensiver. Wenn mich Musik tiefer berührt, berührt mich Gewalt ebenfalls tiefer. Wenn ich den Duft eines Waldes bewusster wahrnehme, nehme ich auch Reizüberflutung bewusster wahr.
Man kann das Nervensystem nicht nur für das Schöne öffnen. Es öffnet sich für das ganze Leben.
Manchmal fragen mich Menschen, ob ich das nicht schade finde.
Nein.
Ich vermisse die Nächte bis vier Uhr morgens nicht — obwohl sie lustig waren. Ich vermisse den Alkohol nicht. Ich vermisse das Gefühl nicht, mich tagelang von einem Wochenende erholen zu müssen.
Ich vermisse vor allem eines nicht: mich selbst ständig zu übergehen.
Der schwierigste Teil ist etwas anderes. Dies Menschen zu erklären, die mich seit vielen Jahren kennen.
Denn sie vergleichen mich mit einer früheren Version von mir. Und sie haben recht. Diese Version hat existiert. Nur wissen die wenigsten, wie es ihr wirklich ging. Wie oft sie ihre Müdigkeit ignorierte. Wie oft sie dachte, sie müsse einfach ein bisschen besser funktionieren.
Heute werde ich manchmal gefragt: „Warum gehst du nicht mehr mit?"
Die ehrlichste Antwort lautet: Weil ich mich inzwischen kenne.
Ich weiß, welche Orte mein Nervensystem nähren. Und welche es erschöpfen. Ich weiß, wann ich Ruhe brauche. Ich weiß, wann ich gehen muss.
Und ich weiß inzwischen auch, dass Liebe nicht bedeutet, immer überall mitzugehen.
Vielleicht verändert sich unser Leben, wenn wir immer weniger bereit sind, gegen uns selbst zu leben.
Das sieht von außen manchmal wie Verzicht aus. Von innen fühlt es sich nach Freiheit an.
Mit Liebe und einem sensiblen Nervensystem,
Jeannette