Echte Begegnung

Liebe Crew,

lange dachte ich, enge Beziehungen hätten eine bestimmte Form. Die beste Freundin. Der Inner Circle. Menschen, die alles voneinander wissen, sich regelmäßig sehen und selbstverständlich auf dem Laufenden halten.

Ich habe mich lange danach gesehnt. Vielleicht auch deshalb, weil ich lange keine beste Freundin hatte. Als ich irgendwann eine hatte und später mehrere Menschen, die ich zu meinen engsten Freundinnen zählte, war ich selig.

Erst viel später begann ich zu merken, dass eine Form noch keine Beziehung macht. Man kann sich regelmäßig sehen und sich trotzdem nicht wirklich begegnen. Man kann alles voneinander wissen und einander trotzdem nicht sehen.

Und man kann jemanden zufällig im Keller treffen, zehn Minuten miteinander reden und anschließend mit einem fetten Grinsen und offenem Herzen weitergehen.

Vielleicht habe ich Nähe lange daran gemessen, wie viel wir miteinander teilen. Heute interessiert mich etwas anderes.

Was geschieht zwischen uns, wenn wir uns begegnen?

Bist du wirklich da? Bin ich wirklich da? Bringst du deine Welt mit? Kann ich meine mitbringen?

Kannst du sagen, dass es dir gerade beschissen geht, wenn es dir beschissen geht, anstatt mir eine heile Welt zu präsentieren? Kannst du mir sagen, dass du mein Buch gelesen und nicht verstanden hast? Kannst du mir sagen, dass ein Text nicht nach mir klingt?

Ich glaube, ich sehne mich nicht mehr so sehr nach Menschen, die mich bestätigen. Ich sehne mich nach Gegenübern.

Das hat nichts damit zu tun, wie ihr Leben aussieht. Ob jemand Kinder hat oder keine. Mit manchen Kindern kann ich hervorragend spielen, Quatsch machen und mich auf eine Weise unterhalten, die wesentlich interessanter ist als manches Erwachsenengespräch. Auch ein Kind kann mir als Mensch begegnen.

Ich möchte nicht hauptsächlich einer Mutter begegnen. Nicht einem Vater. Nicht einer Unternehmerin oder einem Künstler. Ich möchte dem Menschen darin begegnen.

Und ich möchte auch selbst nicht auf eine Rolle reduziert werden. Nicht die gute Zuhörerin. Nicht die Spontane. Nicht die Infrastruktur einer Beziehung.

All das bin ich. Aber ich möchte mich auch hinsetzen können und nichts liefern. Ich möchte überrascht werden. Empfangen. Resonanz erleben.

Vielleicht brauche ich deshalb auch keine beste Freundin mehr. Zumindest nicht als vorgesehenen Platz, den irgendein Mensch besetzen sollte.

Ein Mensch kann mir für zehn Minuten im Keller begegnen und mein Herz öffnen. Ein anderer kann nach Monaten wieder auftauchen und wir erschaffen gemeinsam etwas. Manche Menschen begleiten mich über Jahre. Andere nur ein Stück. Von manchen weiß ich erstaunlich wenig und freue mich trotzdem jedes Mal, wenn sich unsere Wege kreuzen.

Nicht jede Verbindung muss alles können. Nicht jede Nähe muss ständig gepflegt werden. Nicht jede Freundschaft muss durch permanente Updates beweisen, dass sie noch existiert.

Ich habe in den vergangenen Monaten einige Menschen losgelassen. Nicht immer, weil etwas Dramatisches passiert war. Manchmal wollte ich einfach wissen, was bleibt, wenn ich aufhöre, einen Faden festzuhalten.

Was Substanz hat, kommt wieder. Nicht immer in derselben Form. Aber lebendig. Und anderes kommt zurück und ich merke: Nein. Hier möchte ich nicht wieder hinein.

Auch das ist Beziehung. Nicht jede offene Tür ist eine Einladung, einzutreten.

Ich glaube, ich habe Freundschaft früher manchmal mit gemeinsamem Überleben verwechselt: wir halten uns durch Liebeskummer, Krisen, Erschöpfung. Durch dick und dünn. Das kann kostbar sein.

Aber ich möchte nicht, dass das Überleben der Klebstoff unserer Verbindung ist. Ich möchte nicht gemeinsam überleben. Ich möchte gemeinsam leben.

Entdecken. Lachen. Spielen. Streiten. Staunen. Erschaffen. Und manchmal einfach für einen Moment dieselbe Welt betreten und danach wieder unserer Wege gehen.

Kein Inner Circle mit fest vergebenen Plätzen. Eher ein lebendiges Netz. Manche Fäden sind dick, andere fein. Manche verlaufen über Jahrzehnte, andere berühren sich nur kurz.

Entscheidend ist etwas anderes: Wenn wir uns begegnen, begegnen wir uns wirklich?

Ich glaube, das reicht mir inzwischen nicht nur. Es ist viel mehr, als ich früher gesucht habe.

Ich möchte nicht mehr diejenige sein, die eine Beziehung allein lebendig hält. Ich brauche keine mathematische Gegenseitigkeit. Aber ich möchte Bewegung in beide Richtungen spüren. Nicht nur einladen — auch eingeladen werden. Nicht nur Impulse geben — auch welche empfangen.

Ich möchte keine Menschen mehr versorgen müssen, damit Beziehung entsteht. Ich möchte Menschen begegnen, die selbst Beziehung mitbringen.

Mit Liebe und einem fetten Grinsen,
Jeannette

Zurück
Zurück

Wolken

Weiter
Weiter

Alle haben Platz