Alle haben Platz

Liebe Crew,

ich dachte lange, Herkunft müsste eindeutig sein. Man kommt irgendwoher. Man gehört zu etwas. Eine Familie, ein Land, eine Kultur, eine Geschichte.

Nur passte mein Leben nie besonders gut in diese Vorstellung.

Je mehr ich suchte, desto weniger eindeutig wurde es. Und desto lebendiger.

Früher hätte ich vielleicht versucht herauszufinden, welche dieser Geschichten nun die wichtigste ist. Wo meine eigentlichen Wurzeln liegen. Welche Welt wirklich meine ist.

Inzwischen interessiert mich eine andere Frage: Was, wenn sie alle Platz haben?

Ich möchte meine Vorfahren nicht auf Sockel stellen. Ich möchte ihnen begegnen.

Diese Menschen haben nicht nur gelitten. Sie haben gelacht. Sich verliebt. Vermutlich vollkommen verrückte Dinge getan. Sie waren mutig und feige, großzügig und schwierig, kreativ, eigensinnig und lustig.

Und vor allem hatten sie etwas, das wir bei unseren Vorfahren leicht vergessen: eine Zukunft. Sie wussten nicht, was als Nächstes passieren würde. Sie hatten auch Träume und Sehnsüchte. Und es gab Dinge, die sie selbst nie erleben konnten.

Seitdem denke ich anders über Abstammung nach. Ich bin nicht nur Nachfahrin ihrer Vergangenheit. Ich bin eine Möglichkeit ihrer Zukunft. Und diese Zukunft sieht ziemlich anders aus als ihre Welt.

Gerade bin ich mit meinem Liebsten in Helsinki.

Ich tanze morgens draußen zu elektronischer Musik. Wir probieren in einer Markthalle Kaviar, der für mich seit meiner Kindheit zu meiner Familiengeschichte gehört. Wir sitzen lange im Dom und bewundern anschließend Kunst in dessen Krypta im Untergeschoss. Dann trinken wir dort Kaffee. Später schlafe ich unter einem Vogelbeerbaum auf einer Parkbank. Wir begegnen Birken, Elstern und Rentieren. Nachts leuchtet der Vollmond über der Bucht.

Und überall entdecken wir Spinnennetze! Mindestens zwölf!

In ihnen laufen kleine und große Spinnen herum. Sie wohnen dort, weben und bewegen sich zwischen ihren Fäden. Die Netze liegen nah beieinander. Eine ganze Nachbarschaft aus Spinnenfamilien und Spinnenfreunden.

Ich musste lachen. Denn vielleicht habe ich viel zu lange versucht, mein Leben als Stammbaum zu verstehen. Dabei sieht es inzwischen viel mehr aus wie ein Netz.

Ein Kreis beantwortet für mich eine wichtige Frage: Wie können alle Platz haben?

Das gilt auch für Herkunft. Wenn ich mich meinen baltischen Wurzeln zuwende, wende ich mich nicht von meinen deutschen oder südamerikanischen Wurzeln ab. Wenn eine neue Beziehung entsteht, löscht sie keine alte aus.

Hinwendung ist keine Abwendung.

Vielleicht entsteht das Problem erst, wenn wir aus Verschiedenheit eine Rangordnung machen. Wenn eine Kultur wichtiger sein muss als eine andere. Dann beginnen wir, um Plätze zu kämpfen.

Ich möchte die Plätze nicht tauschen. Ich möchte die Rangordnung durch einen Kreis ersetzen. Einen Kreis, in dem niemand kleiner werden muss, damit jemand anderes größer sein kann.

Ein Netz stellt die nächste Frage: Wie können alle miteinander verbunden sein, ohne dass eine Person alles tragen muss?

Vielleicht ist Beziehung genau das. Nicht Verschmelzung. Nicht Gleichheit. Sondern: Du bleibst du. Ich bleibe ich. Und zwischen uns kann ein Faden entstehen.

Mein Liebster und ich müssen die Welt nicht auf dieselbe Weise sehen. Wir können gemeinsam in einer Kirche sitzen und beide etwas anderes darin erleben. Wir können nach Estland fahren, weil mich eine alte Familiengeschichte bewegt — und er denkt, dass es bestimmt ein besonderer Ausflug wird und wir gutes estnisches Essen finden. Beides hat Platz.

Morgen werde ich 44.

Und ausgerechnet morgen fahren wir mit der Fähre nach Tallinn. Dort werden am Abend Feuer am Meer entzündet.

Als wir diese Reise planten, dachte ich einfach, dass so eine Überfahrt übers Meer eine wunderschöne Art wäre, meinen Geburtstag zu verbringen. Dass in Tallinn ausgerechnet an meinem Geburtstag ein jährliches traditionelles Fest mit Feuern am Meer stattfindet, fand ich erst nach unserer Entscheidung heraus.

Erst jetzt verstehe ich, welches Geschenk sich darin verbirgt.

Ich stelle mir seit einiger Zeit meine Ahnen an einem Feuer vor — eine ziemlich bunte Truppe. Und morgen werde ich buchstäblich an einem Feuer stehen. In Estland. Mit all diesen Geschichten in mir.

Mit meinen deutschen, baltischen und südamerikanischen Linien. Mit Menschen, deren Namen ich kenne, und all jenen, deren Namen längst verschwunden sind. Mit den schwierigen, den lustigen, den frommen, den wilden, den liebevollen, den eigensinnigen.

Alle haben Platz.

Vielleicht waren wir schon lange verabredet. Und ich war einfach die Letzte, die es verstanden hat. Und die Einzige mit einem Terminkalender und einem Fährticket.

Kirche und Vogelbeerbaum. Ahnen und elektronische Musik. Kaviar und Lagerfeuer. Baltikum und Südamerika. Wurzeln und Flügel.

Nichts davon muss gewinnen. Das Bunte ist das Bild.

Und morgen möchte ich es feiern. Nicht als Abschluss meiner Geschichte. Eher als einen kurzen Moment am Feuer in einem viel größeren Netz.

Denn meine Vorfahren sind nicht nur Menschen hinter mir. Sie hatten selbst einmal die Zukunft vor sich. Und ich bin eine der Möglichkeiten, die daraus entstanden ist.

Eine Frau, die 44 Jahre später irgendwo in Tallinn am Feuer tanzt.

Vielleicht ist Lebendigkeit nicht das Gegenteil von Vergänglichkeit. Vielleicht entsteht ihre Kostbarkeit gerade daraus.

Und vielleicht tanzen Menschen deshalb überhaupt seit Jahrtausenden am Feuer.

Mit Liebe, Wind und Rauch in den Haaren,
Jeannette

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