Flaschenpost
Liebe Mitreisende,
ich glaube, die Love Letters haben viel früher begonnen, als ich dachte. Nicht mit einer Website. Nicht mit einem Newsletter. Nicht einmal mit dem Internet.
Sondern mit einer Flaschenpost.
Ich war jung. Ich machte ein Praktikum in einem Hotel in München. Ich hatte Liebeskummer. Und vermutlich noch hundert andere Dinge gleichzeitig.
Also ging ich mit unserer schwarzen Labradorhündin an der Isar spazieren. Wir liefen kleine Pfade entlang, die kaum jemand kannte. Dort, wo das Wasser leise wird und man das Gefühl hat, etwas entdecken zu können.
Und plötzlich kam mir eine Idee. Was wäre, wenn ich einen Brief schreibe? Nicht an eine bestimmte Person. Einfach an irgendjemanden. An das Leben.
Ich schrieb einen Zettel. Ich weiß nicht mehr genau, was darauf stand. Vielleicht fragte ich, ob die Person, die ihn findet, auch schon einmal Liebeskummer hatte.
Dann rollte ich den Brief zusammen. Steckte ihn in eine Flasche. Und schickte ihn die Isar hinunter.
Wochen später kam eine Antwort. Eine echte Antwort. Jemand hatte sie gefunden.
Ich weiß nicht mehr genau, was darin stand. Nur, dass sie freundlich war. Dass auf der anderen Seite jemand gewesen war.
Heute denke ich oft, dass die Love Letters genau dort begonnen haben.
Vielleicht wundert es mich deshalb nicht, dass ich schon als Kind und Jugendliche Briefe schrieb. An meine Oma in den USA. An meine Cousine. An einen Jungen in Ghana. An Brieffreundinnen in Russland nach meinem Schüleraustausch. An einen Jungen in Marokko.
Damals gab es noch kein Internet. Wenn man jemanden erreichen wollte, musste man einen Brief schreiben. Und dann warten. Manchmal Wochen. Manchmal Monate.
Und trotzdem fühlte es sich erstaunlich nah an. Vielleicht sogar näher als manches heute.
Wenn ich darüber nachdenke, zieht sich dieses Muster durch mein ganzes Leben. Ich schreibe. Ich schicke etwas hinaus. Und irgendwann kommt etwas zurück.
Manchmal eine Antwort. Manchmal eine Begegnung. Manchmal eine Freundschaft. Manchmal ein ganzer Lebensweg.
Die Love Letters sind deshalb für mich keine Newsletter. Auch keine Artikel. Eigentlich nicht einmal Blogbeiträge.
Sie sind Flaschenpost. Briefe an das Leben, die Liebe und die Menschlichkeit. Briefe, von denen ich nie genau weiß, wer sie lesen wird. Oder wann. Oder warum.
Manchmal erreicht eine Flaschenpost genau den Menschen, der sie gerade braucht. Manchmal treibt sie lange durchs Wasser. Und manchmal verändert sie zuerst die Person, die sie geschrieben hat.
Vielleicht ist das das Schönste daran. Dass man einen Brief nicht kontrollieren kann, sobald man ihn loslässt. Man kann ihn nur schreiben. Und vertrauen.
So wie damals an der Isar. Mit einer schwarzen Labradorhündin. Ein bisschen sehr viel Liebeskummer. Und einer Flasche voller Hoffnung.
Mit Liebe und einer Flaschenpost im Gepäck,
Jeannette