Der Bauplan

Liebe Mitreisende,

es gibt Momente im Leben, in denen etwas Großes geschieht — und niemand merkt es.

Kein Feuerwerk. Keine Fanfaren. Keine große Bühne.

Nur ein Sonntag. Eine neue Frisur. Ein Spaziergang. Ein paar Flaschen im Altglascontainer. Ein Holundersekt auf dem Balkon der Eltern.

Und plötzlich ist da dieses Gefühl: Endlich ist ist fertig. Nicht alles. Aber das Fundament.

Am Sonntag habe ich spontan meine Eltern besucht. Mit Holundersirup. Ohne Anlass. Ohne Agenda.

Wir saßen auf ihrem Balkon. Zwischen Radieschen, Pflanzen, Sekt und Sommer. Sie erzählten aus ihrem Leben. Und ich erzählte von meinem Universum. Von meinen Räumen. Von meinen Büchern.

Und sie hörten zu. Interessiert. Respektvoll. Neugierig. Als wäre es das Natürlichste der Welt.

Vielleicht war es das auch. Vielleicht musste ich nur lange genug aufhören, gegen mich selbst zu kämpfen.

In derselben Woche habe ich alte Accounts angesehen, von Menschen, denen ich früher gefolgt bin. Menschen, bei denen ich einst gesucht habe.

Ich schaute kurz hinein. Und spürte: Danke. Das Kapitel ist vollständig.

Kein Widerstand. Keine Enttäuschung. Keine Sehnsucht. Nur Frieden.

Vielleicht ist das gerade das große Thema. Frieden. Mit meiner Vergangenheit. Mit meinen Entscheidungen. Mit mir selbst.

*

Heute mahle ich meinen Kaffee einfach.

Das war nicht immer so.

Vor einigen Jahren kaufte mein Liebster in einem kleinen Café in Puerto Varas in Chiles Süden eine Handkaffeemühle. Lange Zeit traute ich mich nicht, sie zu benutzen. Also mahlte er den Kaffee für uns — mit Liebe und mit handgeschäumter Hafermilch. Es wurde zu einem kleinen Ritual.

Irgendwann begann ich selbst. Zögerlich. Fast heimlich.

Ich erinnere mich noch an das erste Mal. Es fühlte sich an, als würde ich etwas Unerlaubtes tun. Als würde ich einen Raum betreten, der mir nicht zustand.

Etwas in mir fragte: Darf ich das überhaupt?

Heute lache ich darüber.

Und plötzlich wird mir klar: Es ging nie um Kaffee. Es ging darum, mein eigenes Leben zu betreten. Meine eigenen Räume. Meine eigene Kreativität. Meine eigene Stimme.

Lange fühlte sich all das an, als müsste ich erst gefragt werden. Als müsste ich erst beweisen, dass ich dazugehören darf.

Heute weiß ich: Es ist mein Haus. Ich darf die Tür öffnen. Ich darf den Kaffee mahlen. Ich darf die Bücher schreiben. Ich darf mein Leben bewohnen.

*

Dann kam der Sonntag noch einmal — mit Sonne, Ruhe, Tränen unter meiner Lieblingstrauerweide.

Und ein alter Post. Ein Bild aus 2010. Ein Foto aus 2021. Eine Erinnerung aus einer Zeit, in der ich noch nicht wusste, wohin mich all das führen würde.

Plötzlich sah ich die Brotkrumen. Die Hinweise. Die Symbole.

Die früheren Jeannettes hatten keine Ahnung. Sie malten einfach. Träumten. Bastelten seltsame Dinge. Folgten ihrer Neugier.

Heute sehe ich: Sie haben den Bauplan gezeichnet für ein Raumschiff.

Und langsam verstehe ich, dass der Same dafür vor zwanzig Jahren auf einem Festival gesät wurde — und nun einen Bauplan besitzt. Nicht mehr nur eine Vision. Sondern einen Weg. Und diesem Weg werde ich in den nächsten Tagen und Wochen folgen.

*

Plötzlich habe ich mehr Energie. Denn ich muss nichts mehr beweisen. Weder meine Weiblichkeit, noch meine Spiritualität, noch meine Kreativität oder Freiheit.

Ich darf einfach in ganz normalen Jeans durch München laufen. Altglas wegbringen. Mit meinen Eltern Holundersekt trinken. Dem Burgerladenbesitzer zum ersten Mal meinen Namen verraten. Und gleichzeitig ein Raumschiff bauen.

Beides gehört zu mir. Die Bodenständigkeit. Und die Sterne.

Vielleicht beginnt genau hier etwas Neues. Nicht die Suchphase. Nicht die Aufbauphase. Sondern die Zeit danach.

Die Zeit, in der das Haus bewohnt wird. In der Gäste eintreten. In der die Räume anfangen zu wirken.

Während ich dies schreibe, spüre ich: Der Zyklus ist vollständig. Nicht abgeschlossen. Aber rund.

Und das ist genug.

Mit Liebe,
Jeannette

Weiter
Weiter

Das Haus