Ich bin meine Quelle

Liebe Crew,

es gibt einen Satz, den ich lange für etwas Schönes hielt. „Ich bin immer für dich da."

Ich wollte dieser Mensch sein. Jemand, der zuhört. Der ermutigt. Der Möglichkeiten sieht, wenn andere nur Probleme sehen.

Und das war ich. Ich war die Person, die man anrief, wenn man einen Rat brauchte. Wenn man träumen wollte. Wenn man verstanden werden wollte. Wenn man sich lebendig fühlen wollte.

Ich habe das gerne gemacht. Es entsprach meinem Wesen.

Bis ich irgendwann bemerkte, dass ich für viele Menschen eine Quelle geworden war. Nur fragte kaum jemand, wie viel Wasser noch darin war.

Eine Quelle wirkt unerschöpflich. Man geht hin. Man nimmt. Man geht wieder. Und irgendwann merkt die Quelle selbst, dass sie kaum noch Zeit hatte, sich zu füllen.

Nicht, weil die Menschen böse waren. Sondern weil sie immer verfügbar war.

Ich glaube, viele von uns verwechseln Großzügigkeit mit Grenzenlosigkeit. Wir denken, Liebe müsse bedeuten, immer erreichbar zu sein. Immer offen. Immer bereit.

Dabei gibt es etwas, das wir dabei oft vergessen: Auch eine Quelle braucht Regen.

Im letzten Jahr hat sich etwas in mir verändert. Ich habe angefangen, meine Energie wie etwas Kostbares zu behandeln. Nicht aus Angst, sondern aus Selbstliebe. Und auch weil ich durch den tiefgreifenden Wandel in meinem Leben kaum noch Energie hatte.

Ich habe gemerkt, dass nicht jede Einladung eine Begegnung ist. Nicht jedes Gespräch eine Verbindung. Nicht jede Freundschaft ein Zuhause.

Manche Beziehungen leben davon, dass einer immer gibt. Und der andere immer wieder kommt.

Früher hatte ich Angst, Menschen zu enttäuschen. Heute habe ich mehr Angst davor, mich selbst zu verlassen.

Das ist ein großer Unterschied.

Manchmal bedeutet Selbstfürsorge nicht, mehr Yoga zu machen oder öfter Nein zu sagen. Manchmal bedeutet sie, einen Menschen loszulassen, obwohl man weiß, dass er traurig sein wird. Nicht, weil man ihn bestrafen möchte, sondern weil man sich selbst nicht länger verlieren möchte.

Ich glaube nicht mehr daran, für alle eine Quelle sein zu müssen. Ich glaube daran, zuerst meine eigene Quelle zu hüten. Sie zu nähren. Sie nicht versiegen zu lassen.

Denn nur eine lebendige Quelle kann überhaupt wirklich schenken.

Vielleicht ist Erwachsenwerden der Moment, in dem wir erkennen, dass unsere Energie endlich ist. Und dass wir verantwortlich dafür sind, wohin sie fließt.

Früher dachte ich, Großzügigkeit bedeute, allen die Tür zu öffnen. Heute weiß ich: Großzügigkeit beginnt dort, wo ich mich selbst nicht mehr vergesse.

Ich bin meine Quelle. Und ich entscheide bewusst, mit wem ich sie teile.

Mit Liebe und klarem Wasser,
Jeannette

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Früher konntest du das doch auch