Die Mitte

Liebe Crew,

es gibt Dinge, von denen ich lange glaubte, dass sie einfach die besseren Entscheidungen sind.

Ein Fairphone. 100 % Bio-Baumwolle. Clean Eating. Möglichst wenig Konsum. Möglichst konsequent.

Ich mochte diese Vorstellungen. Sie passten zu dem Menschen, der ich sein wollte.

Bis mein Körper anfing, mitzureden.

Das Fairphone war schwer. Ich schreibe jeden Tag stundenlang. Oft unterwegs, denn in Bewegung kommen mir die besten Gedanken. Es endete oft damit, dass mir die Handgelenke weh taten.

Irgendwann fragte ich mich: Für wen halte ich eigentlich daran fest? Aus Loyalität zu einer Idee?

Also wechselte ich. Und plötzlich konnte ich wieder leichter schreiben. Nicht weil das neue Smartphone moralisch besser war. Sondern weil es besser zu meinem Leben passte.

Dasselbe passierte mit meiner Kleidung. Ich wollte am liebsten nur Naturmaterialien tragen. Bis ich bemerkte, dass manche Stoffe einfach nicht so schön fallen. Dass eine gute Mischung manchmal langlebiger, funktionaler und angenehmer ist. Flexibel auf meinen bewegten Alltag reagiert.

Also hörte ich auf, gegen meinen Körper zu argumentieren.

Auch beim Essen. Clean Eating ist wunderbar. Bis der Körper etwas anderes braucht. Manchmal ein gutes Stück Fleisch. Ein Glas Sekt. Ein paar Gummibärchen. Nicht jeden Tag und nicht als Flucht. Sondern einfach, weil Leben nicht nur aus Regeln besteht.

Früher dachte ich oft, Konsequenz sei ein Zeichen von Integrität. Heute glaube ich etwas anderes.

Integrität bedeutet nicht, einer Idee treu zu bleiben. Sondern dem Leben.

Und das Leben ist selten extrem. Es bewegt sich. Es verändert sich. Es antwortet.

Vielleicht ist genau das die Mitte. Nicht zwischen richtig und falsch. Sondern zwischen dem, was wir glauben zu sein, und dem, was unser Körper längst weiß.

Mein Körper interessiert sich nicht für Ideologien. Er interessiert sich für Beziehung. Zu Nahrung. Zu Kleidung. Zu Menschen. Zu Bewegung.

Er fragt nicht: „Was ist das Reinste?" Er fragt: „Was lässt mich heute freier leben?"

Genau dort finde ich mich immer öfter wieder. Weder auf der Seite des Verzichts noch auf der Seite des Konsums.

Sondern auf der Seite des Lebens.

Mit Liebe und einer stretchigen Hose,
Jeannette

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Ich bin meine Quelle