Medizin
Liebe Crew,
ich habe lange geglaubt Großzügigkeit bedeute viel zu verschenken.
Ein Glas Marmelade. Ein selbst gemachtes Öl. Ein kleines Fläschchen Agua Florida. Einen Räucherbuschen. Einen besonderen Sirup. Eine Idee. Meine Zeit.
Es machte mir Freude.
Bis ich irgendwann bemerkte, dass manche Geschenke nie ausgepackt wurden. Sie standen im Regal.
„Wofür ist das nochmal?"
„Das hebe ich mir für einen besonderen Anlass auf."
Monate später war der besondere Anlass immer noch nicht gekommen. Und irgendwann war das Öl ranzig. Die Kräuter verblasst. Der Duft verschwunden.
Weil niemand sie benutzt hatte.
Seitdem denke ich anders über Medizin.
Medizin ist nichts, das aufgehoben werden möchte. Sie möchte wirken.
Ein Räucherbuschen möchte brennen. Ein Sirup möchte getrunken werden. Ein Duft möchte die Haut berühren. Eine Umarmung möchte gespürt werden. Ein Lied möchte gehört werden. Liebe möchte gelebt werden.
Alles andere ist ein Versprechen auf später.
Heute frage ich mich ob das, was ich verschenken möchte überhaupt landen kann? Hat es einen Ort? Wird es benutzt? Oder verschwindet es in einer Schublade, zusammen mit all den Dingen, die irgendwann einmal wichtig werden sollten?
Ich glaube, viele von uns wurden mit der Idee groß, dass besondere Dinge geschont werden müssen.
Das gute Geschirr. Die schöne Kerze. Das teure Parfum. Der besondere Wein.
Sie warten. Und warten. Und manchmal endet ihr Leben genau dort. Unbenutzt.
Vielleicht ist das größte Missverständnis, dass wir glauben, Wertvolles werde wertvoller, wenn wir es bewahren.
Ich glaube inzwischen das Gegenteil. Wertvolles wird wertvoll, wenn es Teil unseres Lebens wird. Wenn die Kerze abbrennt. Wenn das Parfum leer wird. Wenn die Medizin aufgebraucht ist.
Ich benutze meine Medizin heute ohne Angst. Nicht, weil sie beliebig wäre. Sondern weil ich weiß, dass der Kreislauf weitergeht.
Das Jahr bringt neue Pflanzen. Neue Blüten. Neue Düfte. Neue Ernten. Es wird wieder gerührt. Getrocknet. Gebündelt.
Was heute aufgebraucht wird, schafft Platz für das, was morgen entstehen möchte.
Vielleicht gilt das nicht nur für wilde Kräuter. Vielleicht gilt es auch für unsere Zeit. Unsere Aufmerksamkeit. Unsere Kreativität. Unsere Liebe.
Sie werden nicht kostbarer, wenn wir sie zurückhalten. Sie werden kostbar, wenn sie dort wirken dürfen, wo sie gewürdigt werden.
Und manchmal bedeutet Liebe auch, etwas nicht zu verschenken. Nicht aus Geiz, sondern aus Respekt. Vor dem, was darin steckt. Und vor den Menschen, die es wirklich nutzen werden.
Mit Liebe und einer Hand voller Blüten,
Jeannette