Kontaktzonen

Liebe Crew,

als Kind dachte ich, das Spannendste an einer Landkarte seien die Länder.

Heute glaube ich, es sind ihre Ränder.

Dort, wo ein Wald in eine Wiese übergeht. Wo Süßwasser auf das Meer trifft. Wo Berge langsam in Täler übergehen. Wo der Tag noch nicht ganz gegangen ist und die Nacht noch nicht ganz angekommen.

Die Natur liebt keine scharfen Linien. Sie liebt Übergänge.

Wir verbringen unser Leben oft damit endlich irgendwo ankommen zu wollen. Endlich sicher. Endlich eindeutig. Endlich fertig.

Wenn ich an mein eigenes Leben denke, stelle ich fest, dass die lebendigsten Momente selten dort stattfanden. Sie entstanden eher zwischen zwei Welten. Zwischen Wissenschaft und Ritual. Zwischen Schreiben und Schweigen. Zwischen Gemeinschaft und alleine sein. Zwischen loslassen und neu erschaffen.

Lange dachte ich, diese Zwischenräume seien ein Zeichen dafür, dass etwas noch nicht fertig sei.

Heute sehe ich sie anders. Sie sind keine Verzögerung. Sie sind ein Lebensraum.

Auch in der Natur entstehen an Übergängen oft neue Möglichkeiten. Unterschiedliche Lebensräume begegnen sich. Neue Beziehungen werden möglich. Nicht, weil Unterschiede verschwinden, sondern weil sie einander begegnen.

Vielleicht gilt das auch für uns. Vielleicht können wir lernen, auf der Schwelle zu stehen. Zwischen Zuhören und Sprechen. Zwischen Wissen und Staunen. Zwischen Herkunft und Zukunft. Zwischen dem, was wir loslassen und dem, was gerade erst beginnt.

Gerade dort kann etwas entstehen, das es vorher noch nicht gab. Eine neue Idee. Eine neue Sprache. Eine neue Version von uns selbst.

Vielleicht sind Kontaktzonen deshalb so kostbar. Sie verlangen nicht, dass wir unsere Unterschiede aufgeben. Sie laden uns ein, mit ihnen in Beziehung zu treten.

Nicht möglichst schnell auf der anderen Seite anzukommen. Sondern den Mut zu haben, eine Weile auf der Schwelle zu bleiben. Dort, wo das Leben beginnt, sich neu zu verweben.

Mit Liebe und einem Sofa auf der Schwelle,
Jeannette

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