Translation
Dear fellow travelers,
es gibt Momente, in denen sich das Leben nicht verändert. Sondern der Blick darauf.
Ich glaube, ich hatte in den letzten Tagen viele solcher Momente. Sie waren nicht laut. Eher wie kleine Puzzleteile, die plötzlich an ihren Platz fallen. Und dann verändert sich das ganze Bild.
Früher dachte ich oft, ich passe nicht richtig in diese Welt. Ich war irgendwie immer ein bisschen anders. Zu verträumt. Zu tief. Zu verspielt. Zu still. Zu bunt. Zu spirituell. Zu wissenschaftlich. Zu deutsch. Zu chilenisch. Zu indigen.
Irgendwann hört man auf zu fragen, wer man eigentlich ist. Und beginnt zu fragen, wie man weniger auffällt.
In den letzten Wochen habe ich etwas Merkwürdiges beobachtet. Ich habe aufgehört, mich kleiner zu machen. Nicht absichtlich. Es ist einfach passiert.
Wenn Menschen sagen: „Du arbeitest schamanisch." Dann muss ich heute nicht mehr erklären, dass ich ja keine schamanische Ausbildung habe.
Wenn Menschen sagen: „Du bist Autorin." Dann muss ich nicht mehr erzählen, dass ich ja „eigentlich" auch noch etwas anderes mache.
Wenn Menschen sagen: „Du schaffst besondere Räume." Dann muss ich nicht mehr beweisen, dass ich dafür qualifiziert bin.
Ich bin einfach ich. Und ich tue, was ich tue.
Vielleicht ist das Freiheit. Nicht keine Labels mehr zu brauchen. Sondern keine Angst mehr vor ihnen zu haben.
Ich wünsche mir trotzdem eine Zukunft, in der wir uns irgendwann nicht mehr zuerst über unsere Kategorien kennenlernen. Sondern über unsere Menschlichkeit. Bis dahin brauchen wir gute Worte. Und irgendwann vielleicht weniger davon.
Ich habe in den letzten Tagen noch etwas verstanden. Ich suche gar nicht nach meiner Identität. Ich entdecke meine Ausdrucksformen.
Merkén war schon lange da, bevor sie Merkén hieß. Ich habe sie nicht erfunden. Ich habe sie erinnert.
Vielleicht entstehen alle Dinge in meinem Leben so. Nicht durch Nachdenken. Sondern durch Wiedererkennen.
Früher dachte ich, Kreativität bedeutet, etwas Neues zu erschaffen. Heute glaube ich: Kreativität bedeutet oft, etwas wiederzufinden. Eine Sprache. Eine Bewegung. Ein Symbol. Eine Wahrheit. Die Bedeutung kommt meistens erst später.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich keine fertigen Konzepte mehr liebe. Ich liebe Übersetzungen.
Vor einigenJahren habe ich ein Despacho-Ritual kennengelernt. In Chile wollten mein Liebster und ich eines machen. Nur hatten wir kein Geschenkpapier. Also habe ich Papier bemalt.
Irgendwann bemerkte ich, dass das Bemalen selbst zur Zeremonie geworden war.
Das berührt mich bis heute. Nicht weil wir etwas perfekt nachgemacht haben. Sondern weil wir die Essenz verstanden hatten.
Ich glaube, Respekt bedeutet nicht immer, eine Form exakt zu kopieren. Manchmal bedeutet Respekt, ihre Seele zu verstehen. Und sie dort leben zu lassen, wo man gerade ist. Mit den Pflanzen, die hier wachsen. Mit den Menschen, die gerade vor einem stehen.
Vielleicht mache ich das schon mein ganzes Leben. Ich übersetze. Zwischen Kulturen. Zwischen Wissenschaft und Spiritualität. Zwischen Körper und Sprache. Zwischen Stille und Tanz. Zwischen Bergen und Städten. Zwischen Menschen.
Ich habe diese Woche auch verstanden, warum ich so gerne Gastgeberin bin.
Ich bereite zuerst die Atmosphäre vor. Und dann kommen Menschen. Sie helfen. Sie tragen Stühle. Kinder holen Instrumente. Jemand schenkt Tee ein. Plötzlich ist es nicht mehr mein Raum. Sondern unser Raum.
Vielleicht ist genau das meine Art zu führen. Nicht alles selbst zu machen. Sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen Lust bekommen, mitzuwirken.
Als ich endlich Raum hatte, an meinem neuen Buches weiterzuschreiben, flog eine weiße Feder an meinem Fenster vorbei. Kurz danach ein Schmetterling. Im fünften Stock, mitten in der Stadt.
Ich musste lächeln. Nicht weil ich einen Beweis brauchte. Sondern weil es sich anfühlte, als würde das Leben antworten.
Vielleicht antwortet das Leben gar nicht in Worten. Vielleicht antwortet es in Momenten, die uns tief berühren.
Ich glaube, ich verstehe langsam, was es bedeutet, gerufen zu sein. Nicht von einer Aufgabe. Nicht von einer Rolle. Sondern vom eigenen Leben.
Immer weniger verstecken. Immer weniger erklären. Immer weniger versuchen, irgendwo hineinzupassen.
Und stattdessen jeden Tag ein kleines bisschen vollständiger werden. Nicht, um besonders zu sein. Sondern um endlich ganz da zu sein.
Mit Liebe und einer Sammlung kleiner weißer Federn,
Jeannette