Die alte Freundin

Dear fellow travelers,

ich habe lange geglaubt, Sicherheit sei etwas, das man erreicht. Ein Ort. Ein Zustand. Eine Antwort. Etwas, das irgendwann kommt und dann bleibt.

Heute glaube ich etwas anderes.

Sicherheit ist die Fähigkeit, mit Unsicherheit befreundet zu sein. Nicht, weil man sie besonders mag. Sondern weil man irgendwann bemerkt, dass sie einen überallhin begleitet.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich sie überall. Sie saß neben mir, als ich einen Vortrag hielt. Als ich alleine auf ein Festival in der Wüste fuhr. Als ich nach Brasilien flog. Als ich nicht wusste, wie es weitergeht. Als ich Räume öffnete. Als ich anfing, diese Love Letters zu schreiben.

Und auch jetzt sitzt sie wieder neben mir. Dieselbe alte Freundin. Etwas älter. Etwas freundlicher. Deutlich weniger dramatisch.

Früher dachte ich, die Unsicherheit sei ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Heute weiß ich: Sie ist oft ein Zeichen dafür, dass ich gerade Neuland betrete.

Wenn ich mich vollkommen sicher fühle, kenne ich meistens schon alle Wege. Dann wird es bequem. Und irgendwann auch ein bisschen langweilig.

Also ziehe ich wieder los. Und da ist sie. Wartet schon auf mich.

Manchmal mit klopfendem Herzen. Manchmal mit zittrigen Knien. Manchmal mit leuchtenden Augen.

In den letzten Tagen habe ich etwas Merkwürdiges bemerkt: Je mehr Sicherheit in meinem Leben entsteht, desto mehr Raum bekommt die Unsicherheit. Nicht weniger. Mehr.

Mein Fundament ist stärker als je zuvor. Und genau deshalb wage ich wieder Dinge, die ich noch nie getan habe. Ich öffne Türen. Ich betrete neues Gelände.

Vielleicht ist das die Form von Sicherheit, nach der ich mein ganzes Leben gesucht habe.

Nicht die Sicherheit, alles zu wissen. Nicht die Sicherheit, niemals Fehler zu machen. Nicht die Sicherheit, immer verstanden zu werden.

Sondern die Sicherheit, dass ich mich halten kann. Dass ich mir zuhören werde. Dass ich mich nicht verlasse. Egal, was passiert.

Vielleicht ist Erwachsenwerden genau das. Nicht die Unsicherheit loszuwerden. Sondern ihr einen Sitz im Gefährt anzubieten.

Und zu sagen: “Komm. Du darfst mitreisen. Aber fahren werde ich.

Mit Liebe und meiner guten alten Freundin im Gepäck,
Jeannette

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